Predigt zum 5. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 8. Februar 2004 
in St. Martin in Freiburg

Der Prophet Jesaja spricht ein klares Ja zu seiner Berufung. Das war im Jahre 738 vor Christus. So tun es auch Petrus und die Seinen,  bald 800 Jahre spter. Auch sie spre- chen ein klares Ja zu ihrer Berufung. Sie vernehmen den Ruf Gottes, der durch Christus an sie  ergeht, und folgen ihm, ohne zu zgern, ohne lange zu berlegen. 

Die Klammer, die das Evangelium und die alttestamentliche Lesung zusammenfgt, ist das Geheimnis, dass Gott Menschen in seinen Dienst nimmt, dass er sie beauftragt, ihn zu verknden und seine Weisungen  den Menschen zu sagen, dass er sein Heil in dieser Welt nicht  unmittelbar wirkt, sondern mittelbar, durch Menschen. 

So entspricht es unserer menschlichen Natur, die an die Sinne  gebunden ist. Der un- sichtbare Gott lt sich durch sichtbare Menschen vertreten. Er sendet sie immer wieder aus in die Welt.

Das Wort Asenden@ kommt im Alten Testament wie auch im Neuen sehr hufig vor.  Im Neuen Testament hat es einen bleibenden Ort gefunden im  Apostelbegriff, denn der Apostel ist der Abgesandte.

Berufung und Sendung, das betrifft zunchst die Amtstrger der Kirche, die Priester und Bischfe, aber nicht nur, denn neben dem besonderen Priestertum gibt es das allgemei- ne, und alle Glubigen haben Anteil an der apostolischen Sendung, wozu sie ausdrck- lich gesandt und bevollmchtigt werden im Sakrament der Firmung.

Das rechtfertigt es und das legt es gar nahe, dass wir uns heute morgen einige Gedan- ken machen ber unsere Berufung  und unsere Sendung. 

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In beiden Berufungsgeschichten, in der Lesung wie auch im  Evangelium, ist die Rede von der Furcht. Jesaja klagt: AWeh mir, ich bin  verloren@ (Jes 6, 5). Und Petrus wirft sich nieder vor  Jesus, Adenn Furcht hatte ihn und die Seinen ergriffen@ (Lk 5, 9). Es ist die Majestt Gottes, die den Menschen zu  Boden wirft, wenn er ihm begegnet, und nur, wenn der Mensch darum wei, wenn er wei um die Gre Gottes, um die Macht und Erhabenheit Gottes, ist er geeignet, von ihm ausgesandt zu werden, kann er den Ruf Gottes berhaupt nur vernehmen. Der alttestamentliche Prophet und die neutesta- mentlichen Jnger haben zwar Angst, sie frchten sich, aber strker als die Angst ist das Vertrauen bei ihnen. Darum  sind sie bereit, den Auftrag Gottes anzunehmen, ohne im einzelnen zu wissen, was das fr sie bedeutet.

Sie ahnen die Schwierigkeiten, die sie damit auf sich laden, sie wissen um die Wider- spenstigkeit der Menschen, wenn sie sich Gott  unterwerfen sollen, wenn ihnen die Verantwortung in ihrem Handeln vor Augen gefhrt wird, wenn ihnen Selbstbeherr- schung, Ehrlichkeit, Rcksichtnahme und Gte, wenn ihnen Gebet und Bue  nahege- bracht werden.

Der alttestamentliche Prophet und die neutestamentlichen Jnger  willigen in den Auftrag Gottes ein ohne Wenn und Aber, weil sie Gott frchten und ihm zugleich ver- trauen. Sie wissen: Ihre persnlichen  Wnsche und Hoffnungen mssen zurckstehen, wo es um Gott geht. Und  sie wisssen: Gott braucht sie, er bedarf ihrer, und er wird mit ihnen sein. In diesem Wissen und in dieser Haltung sind sie uns Vorbild und Mastab.

In dem alttestamentlichen Propheten und in den Jngern drfen wir  uns, ja, mssen wir uns wiedererkennen, in gewisser Weise, denn  jeder Christ ist ein Gesandter Christi und ein Prophet Gottes.

AJnger  Christi@ wurden die Christen in den ersten Jahrzehnten nach der Auferstehung Christi  genannt. Und jeder fhlte sich verantwortlich fr die Ausbreitung der Kunde von der Gnade Gottes und von seinem Gericht.

Im Firmunterricht haben wir einmal gehrt, dass wir als Gefirmte Streiter Christi sind - oder haben wir es nicht mehr gehrt? - und  dass wir Christus und seine Wahrheit in der Welt bezeugen mssen, dass wir die Botschaft der Kirche in die Welt der Betriebe, der  Bros, in die Familien und in die Sttten der Erholung und der Freizeit tragen sollen.

Die Welt verchristlichen, das ist in erster Linie die Aufgabe der  Weltchristen, derer, die getauft und gefirmt sind. Aufgabe der  Priester ist es, sie dazu anzuregen und ihnen zu zeigen, worin diese  Botschaft im einzelnen besteht.

Die Botschaft der Kirche in die Welt hineinzutragen, die Welt zu verchristlichen, das ist nicht leicht, da der Widersacher Gottes  nicht schweigt und da seine Erfolge gro sind. Aber wir sind nicht allein, wenn wir fr die Rechte Gottes eintreten, vorausgesetzt dass wir beten und dass wir uns in unserem Leben, in unserem Tun und  Lassen, bemhen, Gott die Ehre zu geben.

Das Zeugnis der Tat ist grundlegend, aber das Zeugnis des Wortes muss hinzutreten. Darin besteht im Grunde unsere Sendung, dass wir die Botschaft der Kirche leben und dass wir sie vor den Menschen vertreten. Das Letztere muss geschehen, ob es gelegen oder ungelegen  ist. So sagt es der  2. Timotheusbrief (2 Tim 4, 2).

Von unserem Zeugnis hngt nicht nur eine menschenwrdige Zukunft ab fr uns alle - die Gottlosigkeit etabliert sich dort, wo das  Christentum ihr nicht entgegentritt, und die Gottlosigkeit ist  schlielich immer menschenverchterisch -, von der Ausbreitung des  Christentums hngt nicht nur eine menschenwrdige Zukunft fr uns  ab, fr uns alle, sondern darber hinaus unsere ganze Ewigkeit. Denn die Anschauung Gottes, die Glckseligkeit, erhalten wir nicht gratis.

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Gott hat uns, die wir getauft und gefirmt sind, berufen und  ausgesandt, wie er den alttestamentlichen Propheten und die neutestamentlichen Jnger berufen hat, sein Wort und seine Wahrheit den Menschen zu bringen. Gott will sich unser aller bedienen, um sein Reich aufzubauen in dieser Welt. Das ist nicht ein Rat, sondern  ein Gebot, das ist ein Aufgabe, der wir uns nicht entziehen drfen.

AStumme  Hunde@ nennt der Prophet  Jesaja seine Prophetenkollegen und die Amtstr- ger in Israel, die den Mund nicht auftun, wo Unrecht geschieht, die opportunistisch sind, die Gottes Wort nicht verknden und Verrat ben an ihrer Sendung (Jes 56,10).

Gottes Bote zu sein, von Gott gesandt zu werden, das ist eine  Ehre fr uns, aber unsere Ehre ist zugleich unser Schicksal.

Bei dem Propheten Amos, der nur wenig frher gelebt und gewirkt  hat als der Prophet Jesaja, steht  das Wort: ADer Lwe brllt, wer frchtet sich nicht? Gott, der Herr, hat gesprochen, wer wird da  nicht zum Prophet?@ (Am 3, 8). Amen.

 

Predigt zum 4. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 1. Februar 2004 

in St. Martin in Freiburg

Der zentrale Satz des Evangeliums lautet heute: AIch sage euch, kein Prophet ist willkommen in seiner Heimat@. Wenn wir auf die Lesung schauen und berhaupt auf das Schicksal der Propheten in Israel, so mssen wir dieses Wort ausweiten: Nicht nur in seiner Heimat gilt der Prophet wenig, auch sonst findet er Ablehnung, auch  sonst wird ihm viel Feindseligkeit entgegengebracht. In der Heimat mag die Ablehnung, die der Prophet erfhrt, grer sein und spontaner, aber auch dort, wo er unbekannt ist, wird er nicht selten ber kurz oder lang den Intrigen und den offenen Angriffen derer ausgesetzt sein, zu denen Gott ihn gesandt hat. 

In diesem Punkt ndern sich die Menschen nicht: Je konsequenter  der Bote Gottes seinen Auftrag wahrnimmt und ihn zu erfllen sich bemht, um so mehr Schwierigkeiten warten auf ihn. Andererseits gilt aber auch: Je lascher er seine Aufgaben erfllt, um so besser ergeht es ihm. 

Diese Erfahrung knnen wir immer wieder machen in der Geschichte und in der Gegenwart. Ein populrer Prophet, das ist im Grunde ein  Widerspruch, ein hlzernes Eisen, jedenfalls auf die Dauer.

Das heit nun nicht: Je mehr Feinde, um so besser, je unbeliebter  bei den Menschen, um so beliebter bei Gott. Der Prophet hat immer  seine Freunde, immer wird es nicht wenige Menschen geben, die ihm  folgen, die seinen Worten Glauben schenken, aber er hat auch seine  Feinde, arge Feinde, vor allem in den Kreisen jener, die hier, in dieser Welt, den Ton angeben. Dabei ist das Ma der Ablehnung verschieden, das ist sicher, je nach Zeit und Ort.

Die Zahl der Propheten, die verfolgt wurden in der Geschichte des  Heiles, ist gro. Darber klagt Jesus, wenn er erklrt: AJerusalem,  Jerusalem, du mordest die Propheten und steinigst die, die zu dir  gesandt wurden@ (Mt 23, 37). ber die Verfolgung der Propheten in Israel,  darber klagt auch der Erzmrtyrer Stephanus in der Stunde seines Martyriums (Apg 7, 52).

Mehr als die anderen Propheten im Alten Testament hat das der  Prophet Jeremia erfahren, der dadurch zu einem besonderen Vorbild  Jesu und seiner Jnger geworden ist. Jeremia lebte etwa 100 Jahre spter als Jesaja. Er wirkte in den letzten Jahrzehnten des 7. und am Beginn des 6. vorchristlichen Jahrhunderts bis zum Fall  Jerusalems und zur Verschleppung des Volkes nach Babylon. Das Hauptthema seiner prophetischen Verkndigung war die Untreue seines Volkes gegen Gott und gegen die Menschen. Er erklrte, der theoretische und der praktische Abfall von Gott bringe immer wieder Unglck und Not ber das Volk. Auch im Hinblick auf die sich  anbahnende babylonische Gefangenschaft erluterte er den  Zusammenhang von Schuld und Strafe mit Nachdruck. Das brachte ihm  viel Feindschaft ein, zumal es nicht wenige volkstmliche Propheten  gab, die etwas anderes sagten, die dem Volk nach dem Mund redeten und es ber den Ernst der Lage hinwegtuschten. Gerade die gewissenlosen Propheten, die das Wirken des Jeremia vereitelten, bereiteten ihm groe innere Schmerzen, die sich ihrerseits bei ihm  mit der ueren Not der Verfolgung verbanden.

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Die Lesung und das Evangelium sprechen nicht nur von der Verfolgung der Propheten, sie deuten auch die Grnde dafr an: Zwei  Grnde sind da zu erkennen. 

Der erste Grund ist ein persnlicher: Die Masse ertrgt es nicht,  wenn jemand anders ist. Der Neidkomplex ist sehr fruchtbar in uns. ber seine Macht drfen wir uns nicht hinwegtuschen. Er ist die tiefere Ursache nicht weniger Bosheiten, die aus unserem Herzen hervorgehen. Der Neidkomplex, er ist ungemein wirksam im Menschen. Der will mehr sein als ich. So sagt man etwa. Oder man  sagt: AIst das nicht der  Sohn des Zimmermanns@ (Mt 13, 55)? Oder man erklrt: Der will mir etwas sagen, oder: AWir  kennen doch seine Vergangenheit, seine Eltern und seine  Verwandten@ (Mk 6, 3). Im Evangelium des heutigen Sonntags heit es: ASie staunten ber das, was aus seinem Munde hervorging@ (Lk 4, 22). Aber dabei lassen sie es nicht bewenden. Was will der schon? So denken sie. Der kann doch nichts sagen, was von Bedeutung ist. Argumentiert man so, dann braucht man nicht einmal mehr zuzuhren.

Der zweite Grund, weshalb der Prophet Ablehnung und  Feindseligkeit erfhrt, ist ein sachlicher, nmlich der Inhalt seiner Botschaft. Der Prophet macht die Menschen unruhig, weil er  sie an ihre Pflichten vor Gott und an die Ewigkeit erinnert. Zwar hrt man gern die Botschaft vom ewigen Leben - vielleicht, wohl auch nicht immer, aber doch zuweilen -, zwar hrt man gern die Botschaft vom ewigen Leben,  hufiger, nicht aber die Bedingungen, die damit verbunden sind. Immer hat es Propheten gegeben, die nur von  dem einen sprechen, das andere aber unter den Tisch fallen lassen. Sie erkaufen sich den Beifall der Massen um den Preis der halben Botschaft. Gerade heute scheinen sie zahlreicher zu sein als je zuvor, die Propheten, die sich den Beifall der Massen erkaufen um den halben Preis der Botschaft. 

Bei dem Propheten Jeremia heit es einmal - nicht in der heutigen  Lesung -: ALeicht- fertig rufen sie: Friede, Friede! und es ist doch kein Friede!@ (Jer 6, 14) ASie alle verben Betrgerei@ (Jer 6, 13). - Das ist heute nicht selten der Fall in  Kirche und Welt. Wer den Menschen aus seiner Trgheit herausscheucht  - und das ist der Auftrag des Propheten, den er freilich an sich  selbst zuerst ausfhren muss - wer den Menschen aus seiner Trgheit heraustreibt, der muss mit Ablehnung und Feindseligkeit rechnen.

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Aber der Prophet steht nicht allein, der echte Prophet. Seine  Kraft ist die Hilfe dessen, der ihn gesandt hat. In der Lesung heit es heute: AHab keine Angst ... Ich mache dich ... zu einer befestigten Stadt, zu  einer eisernen Sule, zu einer ehernen Mauer ... Sie werden streiten mit dir, aber sie bezwingen dich nicht, denn ich bin bei dir ... A (Jer 1, 17 ff).  Das gilt nicht nur dem Jeremia, das gilt uns allen. 

Wir alle sind ausgesandt in prophetischer Sendung, sofern wir  getauft sind und gefirmt. Dabei mssen wir mit Feindschaft und Ablehnung rechnen. Dafr sorgen der Neid und die Trgheit der Menschen. Aber das darf uns nicht einschchtern. In der Kraft Gottes werden wir ber uns selbst hinauswachsen, wenn wir Vertrauen haben. Gott wirkt seine Wunder auch in unserer Zeit. Er wirkt sie durch die, die ihm Vertrauen schenken und die nicht sich selber empfehlen und die Botschaft nicht abschwchen, deren Rede Aja, ja@ ist und Anein, nein@ (Mt 5, 37).  Amen.

 

Predigt zum 3. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 25. Januar 2004 

in St. Martin in Freiburg

Die Lesung entstammt heute dem alttestamentlichen Buch Nehemia.  Zusammen mit dem Buch Esra behandelt dieses Buch die  Wiederherstellung des jdischen Gemein- wesens nach dem Babylonischen Exil. Das war im 6. vorchristlichen Jahrhundert.

Rund 50 Jahre hatte die Zeit der Verbannung gedauert, und  zunchst gab es damals keinerlei Hoffnung auf Heimkehr. Die Heimat  der Verbannten, das Sdreich, das Land um die heilige Stadt  Jerusalem, war entvlkert, viele Israeliten waren im Krieg umge-  kommen, und die brigen hatte man nach Babylon verschleppt, um sie dort als Arbeits- sklaven zu verwenden. Armut, Unfreiheit und  Heimweh bestimmten das Leben der Verbannten. Diese trostlose Lage wird in Psalm 136 besungen: AAn  den Flssen Babylons saen wir und weinten, weil  unsere Gedanken nach Sion gingen.@

Es gab aber auch Propheten in der Fremde. Sie waren mit ihrem Volk nach Babylon gefhrt worden. Oder dort in Babylon hatte sie der Ruf Gottes erreicht. Diese sagten ihren Landsleuten mit eindringlichen Worten: AIhr seid im Unglck, weil ihr Gott ver- lassen, weil ihr den Gottesbund verraten habt.@ Gleichzeitig trsteten sie die Verbannten aber, indem sie  ihnen ihre Heimkehr voraussagten fr den Fall, dass sie sich  bekehren wrden. 

Diese Voraussage erfllte sich im Jahre 539 vor Christus. In diesem Jahr hatte der Perserknig das babylonische Reich erobert und den Juden die Heimkehr gestattet. In der Heimat musste man ganz neu anfangen. Politisch und religis musste alles neu geordnet werden.  Von diesem Neuanfang nun handeln die zwei genannten Bcher des Alten  Testamentes, das Buch Esra und das Buch Nehemia. 

Unsere Lesung schildert uns eine Volksversammlung in Jerusalem aus dieser Zeit, auf der das Gesetz verlesen wurde, auf der das Gesetz verlesen und erklrt wurde. Beson- ders eindrucksvoll ist  dabei eine Feststellung des Hohenpriesters Esra - der letzte Satz unserer Lesung - , wenn er sagt: AWeint nicht, denn  die Freude an Gott ist eure Strke.@

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Die aus der Verbannung Heimgekehrten trauerten und weinten bei der Verlesung und bei der Erklrung des Gesetzes. Sie dachten an die schicksalhafte Bedeutung des Gesetzes fr ihr Leben. Immer wieder  waren schwere Prfungen ber sie gekommen, weil sie ohne Gott oder ohne den wahren Gott  hatten leben wollen, weil sie ihre selbst  gemachten Gtter dem wahren Gott vorgezogen hatten. Sie hatten sich ihren Leiden- schaften berantwortet und davon das Glck erwartet.  Sie hatten nicht hren wollen auf die Vernunft und auf Gottes Gebot.  Die Wahrheit war ihnen zwar verkndet worden, aber sie hatten es  besser wissen wollen. Von den wahren Propheten hatten sie sich  abgewandt und sich den Hofpropheten zugewandt. Von den  unbestechlichen Predigern hatten sie nichts gehalten, von den  Lehrern der Wahrheit, die die gesunde Lehre verknden, hatten sie sich abgewandt und sich Lehrer nach eigener Willkr gesucht, Lehrer,  die den Ohren schmeicheln, so heit es im 2. Thessalonicherbrief (2  Thess 4, 3). Eitle Schwtzer und Verfhrer nennt der Titusbrief diese Lehrer (Tit 1, 10). Demgem knnte man heute von  Geflligkeitsverkndigung sprechen, die nicht die Botschaft, sondern den Botschafter empfiehlt. 

Von den wahren Propheten hatte sich das Volk Israel abgewandt und  sich den Hofpro- pheten zugewandt. Darum war Unglck ber sie gekommen. 

So ist es immer: Wenn der Mensch seine eigenen Wege geht, sich gegenber Gott und seinem Gebot emanzipiert, sich im Stolz gegen  Gott emprt, eine Weile mag es ihm gut gehen, Gott ist langmtig, aber die Strafe folgt der Snde, auch wenn wir das nicht wahr haben  wollen. Das ist deshalb so, weil die Gebote Gottes in der Sache begrndet sind, weil sie in der Natur der Dinge ihren Grund haben,  weil sie das richtige Verhalten des Menschen beschreiben und weil sie ihn vor Schaden bewahren wollen. 

Wer sich von Gott abwendet, der wird gewissenlos. Er lebt nach seinen eigenen Wn- schen und Begierden, die ihn schon bald  versklaven. Wenn jeder tut und lt, was ihm gefllt, so verwandelt sich die Welt in ein Chaos, zunchst unsere kleine Welt, dann aber die groe Welt, die aus vielen kleinen Welten zusammenwchst. 

Wer wollte nicht sehen, dass das weithin unsere Situation ist? Wir sind nicht nach Ba- bylon verschleppt worden, aber wir leben in  der Fremde.

Von dem Kirchenvater Augustinus (+ 430) stammt das tiefe Wort: ASo hast Du, o Gott, die Welt geschaffen, dass sich jeder ungeordnete Geist selber zur  Strafe wird@ (Bekennt- nisse, Buch 1, Kap. 12).

Das Volk trauerte und weinte bei der Verlesung des Gesetzes, weil  es an das Leid dachte, dass ihm die Snde eingebracht hatte, weil es  an die fr sein Leben schicksal- hafte Bedeutung dieses Gesetzes  dachte. Darum erklrte Esra, der Hohepriester: ADie Freude an Gott ist eure Strke@. Man knnte auch bersetzen: ADie Freude an Gott  ist euer Schutz, euer Schutzwall, eure Kraft und eure Hoffnung@ oder einfach: ADie Freude im Herrn ist eure Kraft@. Das wussten die Heimgekehrten, aber sie hatten es lange Zeit hindurch vergessen. Und das war ihnen zum Verhngnis geworden. 

Wenn Gott unsere Freude ist, dann werden wir willig und treu seine Weisungen erfllen, wie sie uns in der Offenbarung des Alten und des Neuen Testamentes begegnen und in der Kirche verkndet werden, dann werden wir auf die echten Propheten hren, im lebendigen Glauben die gesunde Lehre annehmen, uns um ein gutes  Gewissen bem- hen, die Verbundenheit mit Gott im Gebet suchen und ein rechtschaffenes und frommes Leben fhren. Leben wir so aus der Freude an Gott, dann ist diese Freude ein Schutz- wall und eine unerschpfliche Quelle der Kraft fr uns in allen Situationen  unseres Lebens, dann bewahrt sie uns vor dem Unglck und dann ist sie unsere Kraft, wenn Leid ber uns kommt, das wir nicht  verschuldet haben, denn wenn Gott mit uns ist, kann niemand und nichts uns etwas anhaben.

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Wir beten so oft im Vaterunser: Erlse uns von dem Bsen. Gott erlst uns von dem Bsen und von allem bel, wenn wir ihn darum bitten, aber er tut es nicht allein. Wir mssen mitwirken mit der  Gnade Gottes. Diese unsere Mitwirkung besteht darin, dass wir uns an  Gott freuen, dass wir uns darum bemhen, dass Gott unsere Freude ist und dass er unser Leben prgt und bestimmt und dass wir uns abwenden von jenen Freuden, die unserer Freude an Gott widerstreiten. 

Wer im Bsen seine Freude sucht, liefert sich und die Welt der Gewalt des Bsen und seiner zerstrerischen Macht aus. Wer seine  Freude in Gott sucht, Gott wird ihm zu einer unerschpflichen Quelle  der Kraft. 

So ohnmchtig wir sind, wenn wir Gott verlassen - das sagt uns die Heilige Schrift, das sagt uns aber auch schon die Vernunft - , so mchtig sind wir, wenn wir uns ihm zuwen- den, wenn er unsere Freude ist. Amen.

 

Predigt zum 2. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 18. Januar 2004 

in St. Martin in Freiburg

Jesus wirkte das erste Zeichen. Zeichen werden die Wunder in den Evangelien genannt, Zeichen deshalb, weil sie auf etwas hinweisen, weil sie eine verborgene Wirklichkeit sichtbar machen. Die Jnger  erkannten durch sie, dass Jesus mehr war als ein Mensch, dass in ihm  gleichsam der Himmel auf die Erde herabgekommen war und dass er der gottgesandte Messias war. Durch sie wurde ihnen klar, dass seine Worte und sein Beispiel absolute Gltigkeit htten und allen Menschen verkndet werden mssten, dass es nichts Verbindlicheres  gebe als seine Worte und sein Beispiel. Darum gibt es die Kirche bis  in unsere Tage, dass das nicht vergessen wird und dass den Menschen,  uns allen, die Kraft gegeben wird, zu tun, was er getan hat, und zu sagen, was er gesagt hat. In diesem Sinne sind die Wunder Jesu Zeichen fr seine Jnger und auch fr uns. 

Dieses erste Zeichen Jesu nun weist uns nicht nur hin auf die  auergewhnliche Vollmacht dieses Gottgesandten, auf seine absolute Autoritt und Verbindlichkeit, es weist und auch hin auf die hohe Wertschtzung, die er der Ehe und der Familie entgegenbringt. Diese  seine Wertschtzung verpflichtet uns, dass wir sie teilen und uns  entsprechend verhalten. Davon soll heute morgen die Rede sein.

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Jesus segnet die Hochzeit durch seine Anwesenheit auf ihr und  durch das Weinwunder, das er auf ihr wirkt. Er anerkennt die eheliche Gemeinschaft als eine von Gott gestiftete Institution. Von Anfang an haben seine Jnger, hat die Christenheit das verstanden. Erst heute scheint uns diese Erkenntnis mehr und mehr verloren zu gehen. Zwar haben die meisten Religionen die religise Dimension der Ehe erkannt, aber nirgendwo hat sie einen solchen Stellenwert wie im Christentum, und zwar von Anfang an. Um so erstaunlicher ist es,  dass der Reformator Martin Luther gemeint hat, die Ehe  sei Aein rein weltlich  Ding@.

Den Worten und dem Beispiel Jesu folgend, hat die Christenheit stets die Ehe und die daraus hervorgehende Familie als eine von Gott und durch Christus geheiligte Gemein- schaft betrachtet und daraus ein in seiner Hhe unbertroffenes Ideal entwickelt. Die Grundlage  dafr konnte man im Epheserbrief finden, wenn es da heit: ADieses Geheimnis ist gro im Hinblick auf die Liebe Christi zu seiner Kirche@ (Eph 5, 25). In  dieser Liebe begegnet uns nmlich das innerste Wesen und das  entscheidende Ferment der christlichen Ehe, in der Liebe Christi zu seiner Kirche. Darin liegt ein hoher Anspruch, zugleich aber auch eine ehrenvolle Berufung.

Es ist eine der zweifelhaftesten Errungenschaften unserer Zeit,  dass sie Ehe und Fa-milie nicht nur ihres religisen Adels entkleidet hat, sondern dass sie diese Institution berhaupt, auch im natrlichen Bereich, in Frage gestellt hat. Man begngt sich  heute mit Ersatzformen, die weder dauerhaft sind noch von der  personalen Liebe noch von der Fruchtbarkeit getragen werden. Die Ungeheuerlichkeit eines solchen Tuns wird auf dem Weg ber die Sprache vertuscht. Man spricht von Ehen ohne Trauschein. Als ob es hier nur um einen Schein ginge. Oder man spricht von alternativen Formen der Gemein- schaft. Die Wirklichkeit ist jedoch die: Im Sog  eines blen Zeitgeistes betrgt man sich selbst und die anderen um eine wirklich menschlich und christlich gelebte Ehe. Und man legt  Hand an die Keimzelle der menschlichen Gesellschaft. Das aber tun  wir nicht ungestraft. Gott lt seiner nicht spotten. So hat man frher gesagt. Das gilt auch heute noch. Man mchte es billiger haben, zahlt aber ein Vielfaches darauf. Es gibt nur eine  Rechtfertigung dafr, aber die ist keine. Sie lautet: Es tun ja alle! Die anderen tun es ja auch! An die Stelle der Hingabe, die stets mit umfassender Verantwortung verbunden ist, tritt so der  Egoismus zu Zweien. Typisch dafr ist: Man will sich eine Hintertr  offenhalten.

Solches Handeln ist kein Zufall, es entspricht vielmehr dem sich mehr und mehr aus- breitenden Menschenbild, gem dem der Mensch  nicht mehr und nicht weniger ist als ein hoch entwickeltes Tier.  Demnach wird das, was den Menschen ber die Tierwelt erhebt, der  Geist, die unsterbliche Geistseele, und der sich daraus ergebende Bezug zum Jenseits, zum ganz Anderen, zu Gott, geleugnet. Der Tod  ist dann schlielich das Ende dieser Existenz, und dann ist alles vorbei. 

Die Schuld daran trgt hier nicht allein die Propaganda der  Medien und, daraus hervorgehend, die allgemeine geistige Atmosphre,  die uns umgibt, die Luft, die wir einatmen, sondern auch manch ein Versumnis in der Verkndigung der Kirche in der Vergangenheit und  bis in die Gegenwart hinein.

Wo die Besonderheit des Menschen nicht mehr bejaht wird, seine Einzigartigkeit in der Schpfung, da ist kein Raum mehr fr Verantwortung, da ist es nicht mehr mglich fr den Menschen,  personale Liebe zu entwickeln, die treu ist bis zum Tod und die aus-  schlielich auf einen einzigen Partner gerichtet ist.

In der Ehe heit es: Nur du! Und: Nur du fr immer! Alles andere ist wrdelos und zer- strerisch fr den Menschen. Wo die  Ausschlielichkeit der Liebe und ihrer ewigen Dauer - Ehe, das Wort  enthlt etymologisch die Bedeutung von Ewigkeit - wo die Aus- schlielichkeit der Liebe und ihrer ewigen Dauer fehlt, da beschrnkt man sich auf die reine Triebhaftigkeit und ordnet diese rein pragmatisch, wenn berhaupt, im Rahmen uerer berlegungen. 

Was bleibt, ist ein mehr oder weniger vordergrndiger Egoismus,  womit der Mensch indessen sein Leben zerstrt, auf die Dauer, deswegen, weil er im tiefsten doch wei, dass er fr die Ewigkeit  geboren ist.

uerlich erkennbar sind die Ersatzformen der Ehe vor allem an ihrer Unfruchtbarkeit. Ja, unfruchtbar sind oft auch jene Verbindungen, die sich noch immer als Ehe darstellen. 

Darin darf man die abgrndige Resignation vieler Menschen heute  erkennen, die diese ihre Resignation freilich zu verbergen suchen,  wenn sie betonen, dass sie das Leben lieben, dass sie aus dem Prinzip der Hoffnung leben, dass sie an eine bessere Zukunft glauben, obwohl sie das Leben nicht weitergeben, das Gott ihnen geschenkt hat, und es gar gegebenenfalls beseitigen. Sie fliehen vor dem Tod, lieben ihn aber im Grund mehr als das Leben. Eine  merkwrdige Widersprchlichkeit begegnet uns darin. Heute schwankt  das Leben vieler Menschen hin und her zwischen Aja@ und Anein@. Dabei trgt  jedoch im Grunde das Nein den Sieg davon.

Man kann das Leben nicht lieben, wenn man es nicht an Gott und an  die Ewigkeit bindet und wenn man es verstmmelt oder wenn man es zu  einer einzigen Beleidigung Gottes macht. Eine gottlose und unglubige Generation kann weder das eigene Leben lieben noch das  der anderen. Wo Gott nur noch ein Wort ist oder wo er ganz und gar  ausge- klammert wird, da gibt es notwendig immer neue Konflikte, die ihrerseits zur Resigna- tion und zur Verzweiflung fhren. Die wirklich glcklichen Heiden mssen noch geboren werden, die gibt es  nicht.

Der einzige Weg zum Glck, zum wahren und dauerhaften Glck, ist im Grunde Jesus Christus. Er besteht in dem Blick auf die Worte und  auf das Beispiel dieses gttlichen Boten, in dem Respekt vor dem Willen Gottes und in der Achtung vor der Wrde des Menschen. Alles  andere ist Illusion.

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Jesus wirkt sein erstes Zeichen auf einer Hochzeit. Die Jnger erkennen daran, dass seine Worte und sein Tun der Mastab sind fr  sie und fr alle Menschen, idealiter, dem Anspruch nach, sie  erkennen daran aber auch die Wertschtzung, die er der Ehe entge- genbringt und der Familie, wie Gott sie gewollt, wie er sie  gestiftet hat. Folgen wir ihm auch darin - in Wort und Tat! Das ist  fr uns der Weg zum Heil, zu einem Heil, das schon in dieser Welt beginnt. Amen.

 

Predigt zum Fest der Taufe des Herrn, gehalten am  11. Januar 2004 

in St. Martin in Freiburg

 

Der Gottmensch unterzieht sich der Butaufe. Er lt sich von  Johannes taufen, wie sich viele damals taufen lassen. Das geschieht  am Beginn seines ffentlichen Wirkens. Diese Tat Jesu muss als tiefe  Verdemtigung des Gottmenschen verstanden werden. So will er sie  verstanden wissen. Sie erinnert von daher an seine Menschwerdung in  Bethlehem in der Armut eines hilflosen Kindes. 

Die Taufe des Johannes ist ein Ausdruck der Bue und der inneren Bekehrung. So hat der Tufer sie verkndigt. Jesus bedarf ihrer  nicht. Aber er will ein Beispiel geben, das ist das eine, und er will Johannes als einen gottgesandten Propheten besttigen, das ist  das andere. 

Whrend Jesus sich verdemtigt und Johannes und seine Bupredigt besttigt, indem er sich taufen lt, besttigt Gott ihn als den Messias. Das geschieht mit den Worten: ADu bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen@ (Lk 3, 22). So heit es in unserem Evangelium nach Lukas. 

Er ist der natrliche Sohn Gottes, wir sind Shne Gottes durch Adoption, Shne und Tchter Gottes. Daher gilt das, was der  Geist hier von Jesus sagt, auch fr uns. 

Auch auf uns ruht jenes Wohlgefallen Gottes, von dem hier die  Rede ist. Wir mssen es allerdings rechtfertigen. 

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Was im Evangelium des heutigen Festtags der Taufe des Herrn  berichtet wird, das ist die Erfllung der  Jesaja-Weissagung: AUnd ruhen wird auf ihm der Geist des Herrn@ (Jes 11,2). Nicht  erst in der Taufe ist der Geist auf ihn herabgekommen - das sagen manche, das sagen jene, die einen gewhnlichen Menschen aus ihm  machen wollen -, nicht erst in der Taufe ist der Geist auf ihn  herabgekommen, vielmehr ist es so, dass vom ersten Augenblick seiner Menschwerdung an auf ihm die Flle des Gottesgeistes und seiner  Gaben ruhte. Bei seiner Taufe im Jordan aber, bei der ihm das Wohlgefallen Gottes zugesprochen wird, da beginnt er, als Messias zu wirken, da wird das nach auen hin offenbar und wirksam, was verborgen in ihm steckt.

Anders ist das bei uns. Wir haben erst in unserer Taufe, die mehr  war als die Johannes- taufe und die eine Taufe auf den dreifaltigen  Gott war, - wir bezeichnen sie mit Recht als Geisttaufe -, wir haben  erst in unserer Taufe den Heiligen Geist empfangen und damit die  Gnade der Gotteskindschaft.

Das Wohlgefallen Gottes, das uns damals geschenkt wurde, mssen  wir rechtfertigen - ein Leben lang. Wir mssen die Taufgnade, die  heiligmachende Gnade, die in der schweren Snde verlorengeht,  bewahren und vertiefen. Der Adel Gottes verpflichtet uns. Was wir sind, das mssen wir werden, immer mehr. Es gilt, dass wir als Adoptivshne und als Adoptivtchter so leben, wie der natrliche  Sohn Gottes gelebt hat. Sein Beispiel ist unser Weg. Das will sagen, dass wir in unserem Leben nicht unsere Ehre suchen drfen, sondern die Ehre Gottes suchen mssen, dass wir in unserer Erdenzeit nicht fr uns leben drfen und fr die Welt, sondern fr Gott und Ewigkeit  leben mssen. So hat es der eingeborene Sohn des Vaters gemacht in den gut drei Jahrzehnten seines Erdenlebens. In allem hat er uns ein  Beispiel gegeben.

Zwei Grundhaltungen zeichneten ihn dabei aus, die Demut und der  Gehorsam. Darin mssen wir ihn nachahmen. Er ist der Meister, wir  sind seine Jnger.

Der Demtige ist mit dem zufrieden, was er ist, was ihm von Gott zugeteilt worden ist. Er versucht, mit seinen Fhigkeiten Gott und  dem Nchsten zu dienen. Er macht nichts aus seiner Person - wie es viele heute tun, die sich Christen nennen-, er tut sich nicht  hervor, er ist vielmehr nchtern und sieht ganz auf die Sache, von  ihr lt er sich ganz und gar   bestimmen. Er stellt sich  nicht vor die anderen, sondern neben sie. Er sieht dabei auf  Christus, der zu seinen Jngern gesagt hat: AIch bin unter euch  wie einer der dient@ (Lk  22, 27) und: AWer der Grte sein  will, der sei der Diener aller@ (Lk 22, 26).

Viel Streit und viele Leiden wren zu vermeiden, wenn wir uns  nicht so schwer darin tten, die Tugend der Demut zu ben. Der Stolz  und der Hochmut sind die Ursache vieler Konflikte, eigentlich aller  Konflikte, im Kleinen wie im Groen.

Dabei machen wir mit unserem Stolz und Hochmut uns selbst und den  Mitmenschen etwas vor, betrgen wir die Mitmenschen und uns selbst mit unserem Stolz und Hochmut. Die Demut geht aus der Wahrheit  hervor. Der Stolz ist eine Spielart der Unwahrhaftigkeit. 

Christus verbindet mit der Demut den Gehorsam. Der Wille Gottes  war seine groe Leidenschaft. Er war gehorsam bis zum Tod (vgl. Phil 2, 8). Seine Speise war es, den Willen Gottes zu tun (vgl. Joh 4, 34). Auch darin mssen wir als Adoptivshne und Adoptivtchter Gottes den natrlichen Sohn Gottes nachahmen. Hren auf Gott, das  bedeutet: Hren auf die Kirche - die Kirche ist die Interpretin des  Willens Gottes, wo immer sie authentisch spricht -, Hren auf Gott, das bedeutet dann auch: Sein Ohr gegenber der widergttlichen und  widerchristlichen Welt verschlieen.

Einer ist unser Lehrer, und er verkndet seine Wahrheit und  seinen Willen in der Kirche - das ist nicht unsere Kirche, wie man immer wieder sagen hrt, sondern seine Kirche - er verkndet seine Wahrheit und seinen heiligen Willen nicht in der weithin zerstritte- nen und uneinigen Kirche der Gegenwart oder  besser: darin vielfach nur noch undeutlich, sondern in der Kirche  der Jahrhunderte, und zwar in dem, was die Kirche immer gelehrt und gesagt hat und was sie auch heute noch lehrt und sagt, wie es einem  klar wird, wenn man genauer hinschaut und hinhrt, vor allem wenn  man sich an  dem Trger des Petrusamtes und an seinen Worten orientiert.

Der Glaube kommt vom Hren. Hren aber bedeutet gehorchen. Gehorchen ist jedoch intensives Hren.

Zwei Sakramente sind es, die uns dabei helfen, bei dem Bemhen um  die Demut und um den Gehorsam, das Sakrament des Altares und das  Sakrament der Bue. Dabei drfen wir nicht vergessen, dass das  Sakrament des Altares unwirksam ist, wenn es losgelst wird von dem  Sakrament der Bue, was heutzutage leider oft der Fall ist. 

*

Die Sohnschaft Jesu ist das Modell unserer Gotteskindschaft. Er  ist der natrliche Sohn Gottes. Wir sind Gottes Adoptivshne und Adoptivtchter. 

In der Demut und im Gehorsam bewahren wir die Gotteskindschaft,  weil darin das Beispiel Jesu gipfelt und weil wir darin dem Beispiel Jesu in einem entscheidenden Punkt folgen. Mhen wir uns um die Demut und um den Gehorsam Jesu, bauen wir so am Reich Gottes in  dieser Welt und bereiten wir uns so fr die Ewigkeit. 

Auch auf uns ruht das Wohlgefallen Gottes, bleibend, wenn wir den  natrlichen Sohn Gottes nachahmen, der um unseres Heiles willen einst in diese Welt gekommen ist. Amen.

 

Predigt zum Fest der Erscheinung des Herrn, gehalten am 6. Januar 2004 

in Freiburg, St. Martin

 

Das Festgeheimnis des heutigen Tages richtet sich auf ein  seltsames und zugleich bedeutungsschweres Ereignis, das sich im Zusammenhang mit der Geburt Jesu zugetragen hat. Aus einem fernen  Land kommen weise Mnner, Sterndeuter, nach Bethlehem, um dem neugeborenen Kind zu huldigen, um es anzubeten. Als sie nach einer mhsamen Reise ihr Ziel erreicht haben, werden sie von einer beraus  groen Freude ergriffen. So sagt es das Evangelium (Mt 2, 10). 

Sie sind nicht Juden, diese Weisen, sondern Heiden. Weil mit ihnen der engere Rahmen der jdischen Messiaserwartung gesprengt wird, deshalb ist der heutige Festtag von altersher bestimmt von dem Gedanken der Universalitt des Geheimnisses von Bethlehem, das bei  allen Vlkern der Erde verkndet werden und jeden Menschen in Dienst  nehmen muss: Christus kommt fr alle Menschen, er kommt, um allen Vlkern das Heil zu bringen. Weil er aber als der Sohn Gottes kommt,  darum mssen alle Vlker ihn anbeten und ihm dienen. Nur dann wird  ihnen die Erlsung zuteil, nur dann finden sie das Heil, das  zeitliche und das ewige.

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Der Gedanke der Universalitt des Kindes von Bethlehem kommt in  der offiziellen Bezeichnung des heutigen Festtags besser zum Ausdruck. Volkstmlich spricht man vom Fest der Heiligen Drei Knige. Offiziell sprechen wir vom Fest der Epiphanie, der Erscheinung des Herrn.

Der Herr, das ist eine Gottesprdikation. Im Verstndnis der Alten Kirche ist der, der in Bethlehem geboren wurde, der in  Jerusalem gekreuzigt wurde und der von den Toten auferstanden ist,  der Herr, weil er der ewige Sohn des Vaters im Himmel ist. AKyrios@ nannte man ihn in  der jungen Kirche. Das ist das griechische Wort fr AHerr@. So hatte man in der Zeit des Alten Testamentes in der griechischen Diaspora den Gott Israels angesprochen. Und als AEpiphanie@ bezeichnete man in alter Zeit das Hervortreten des Gottkaisers, des Herrschers, dem man gttliche Ehren entgegenbrachte.

Der entscheidende Glaubensinhalt des heutigen Festes ist also die  Gottheit des Kin-des von Bethlehem.

Ging es am Weihnachtsfest, vor 12 Tagen, darum, dass Gott ein  Mensch geworden ist, geht es heute darum, dass in diesem Menschen  Gott in unsere Welt gekommen ist, dass in diesem Menschen Gottes verborgene Herrlichkeit in unserer Welt  sichtbar geworden ist. ADas Wort hat unter  uns gewohnt@, so beten wir im AEngel des Herrn@. Das sind zwei Aspekte ein und derselben Sache. Einmal geht es um das Menschsein des Gottmen- schen, das andere Mal geht es um  sein Gottsein.

Die Gttlichkeit des Kindes wird unterstrichen durch die Weisen, durch die Stern-deuter, die ihm huldigen, die es anbeten. Knige sollen sie gewesen sein. So will es die berlieferung. Der, dem gehuldigt wird, er steht ber dem, der ihm huldigt. Wem von Knigen  Huldigung entgegengebracht wird, der steht ber ihnen, der ist der Grte, einen Greren gibt es nicht. Dass die Weisen aus dem Morgenland, Knige waren, davon wei die Heilige Schrift allerdings nichts. Nicht einmal die Dreizahl erwhnt sie, wohl aber spricht sie von drei Geschenken, die man spter als knigliche Geschenke  angesehen hat. 

Wie dem auch sei, in der Huldigung des Kindes von Bethlehen durch  die Weisen wird das zum Ausdruck gebracht, was wir im Gloria der heiligen Messe beten: ADu allein bist der Herr, Du allein bis der  Hchste@, jenes Geheimnis,  das heute aufs uerste angefochten wird, mehr als je zuvor in der zweitausendjhrigen Gechichte des Christentums.

Wenn in dem Kind von Bethlehem Gott in unsere Welt gekommen ist  fr alle Menschen, dann mssen sie alle den menschgewordenen Gott kennen lernen. Dann mssen ihn alle anbeten, und dann mssen alle  ihm dienen. Darum erinnert uns der heutige Festtag an die Mission, an den Missionsauftrag, den die Kirche einst durch den auferstandenen Christus erhalten hat. 

Heute spricht man statt von der Mission gern von der Evangelisierung der Vlker.  Das ist sehr angemessen. Denn  darum geht es in der Mission, um die Verkndigung des Evangeliums  oder der frohen Botschaft, so sagt man fr gewhnlich. Eigentlich bedeutet das Wort Evangelium soviel wie Agute Botschaft@. In dem Wort AEvangelisierung@ kommt in jedem Fall besser zum Ausdruck, dass in der Mission den Vlkern etwas Groes geschenkt wird, dass ihnen darin das wahre Glck zuteil wird, fr Zeit und Ewigkeit.

Man kann nicht sagen, dass die Kirche heute von einem besonderen missionarischen Impuls beseelt ist. Die missionarische Begeisterung  der Katholiken war zu Zeiten grer als in der Gegenwart. Wenn man genauer hinschaut, so sieht man, dass es hier so etwas gibt wie eine Krise. Viele mchten an die Stelle der Ausbreitung des Glaubens die  Sozialarbeit und die Entwicklungshilfe setzen. Andere sagen: Alle Religionen sind gleich. Wieder andere sagen: Jeder soll nach seiner Facon selig werden. Der Idealismus der ehemals groen Missionsgesellschaften unterliegt einer schleichenden Paralyse. Der  Glaube ist schwach geworden, und auch die Kirche ist es. So stellt  es sich jedenfalls dar. Von hchster Stelle wird das Anliegen der Weltmission immer wieder deutlich beim Namen genannt. Aber in der  Regel zndet der Funke nicht. 

Heute erscheint die Evangelisierung der Vlker in einem neuen  Licht, weil heute auch die Heimat zum Missionsland geworden ist,  berall. Alle Lnder sind Missionslnder geworden. berall muss das Evangelium heute neu verkndet werden, da viele, denen es einstmals  verkndet worden ist, den Anschluss verloren oder sich, mehr oder  weniger bewusst, vom christlichen Glauben abgewandt haben. Man hat  von einer Neu-Evange- lisierung gesprochen als einem Gebot der Stunde. Alle Menschen mssen der Kirche eingegliedert werden, die  einen erstmalig, die anderen mssen ihr wieder eingegliedert werden,  und dafr sind alle verantwortlich, die  den christlichen  Glauben bewahrt oder die ihn wiedergefunden haben. Eines ist sicher:  Wenn wir diese unsere Verantwortung wirklich  wahrnehmen,  gewinnen wir den eigenen Glauben gleichsam aufs neue wieder und in  einer vertieften Gestalt. 

Das Zeugnis fr Christus bringt uns indessen mit Sicherheit  Unannehmlichkeiten in unserer skularisierten Welt, Beschimpfung und Verfolgung, wenn wir wirklich hinstehen. Da drfen wir uns nicht  tuschen. Die Apostel, die einst durch die jdische Gerichtsbehrde in Jerusalem wegen ihres Zeugnisses fr Christus gegeielt, also  verprgelt, wurden, lieen sich durch die Drohungen ihrer Verfolger nicht ein- schchtern. Vielmehr freuten sie sich - so heit es in der Apostelgeschichte -, dass sie hatten Schmach erleiden mssen wegen ihrer Verkndigung (Apg 5, 40 f). Dabei bekannten sie  unermdlich und kompromisslos, dass wir nur in Christus das Heil  finden knnen (Apg 4, 12). Wenn dem so ist, dass es das Heil nur in  Christus gibt fr die Menschheit und fr die Welt, dann durften sie,  die Apostel, und dann drfen auch wir nicht schweigen. 

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Das Kind von Bethlehem ist unser Schicksal und das Schicksal der Vlker. Alle mssen ihm huldigen und ihm dienen. Wo immer die  Menschen das Heil suchen ohne ihn oder an ihm vorbei, da finden sie  das Unheil, nicht nur in der Ewigkeit, auch in der Zeit. Darum ist  die Evangelisierung der Vlker und die Neu-Evangelisierung der einstmals christlichen Welt eine existentielle Frage - fr alle. Dafr trgt jeder Verantwortung. Niemand, der zum Glauben gekommen ist, darf sich dem Zeugnis entziehen. Amen.

 

Predigt zum 2. Sonntag nach Weihnachten, gehalten am 4. Januar 2004 

in Freiburg, St. Martin

In diesen weihnachtlichen Tagen begegnet uns in der Liturgie der Kirche das Geheimnis der Heiligen Nacht in immer neuen Abwandlungen.  Auch in der heiligen Liturgie des heutigen Sonntags, des zweiten Sonntags nach Weihnachten, wird dieses Geheimnis ins Licht gerckt  und erlutert und festlich begangen, vor allem durch den  tiefsinnigen Prolog des Johannes-Evangeliums.  

In der frhchristlichen Darstellung des Geschehens der Heiligen  Nacht begegnen uns nicht Maria und Joseph, auch nicht die Hirten und  die Weisen, sondern nur das Kind in der Krippe und Ochs und Esel,  die dabei stehen.

Das ist merkwrdig, wenn man bedenkt, dass Ochs und Esel in der  Weihnachtsge- schichte bei dem Evangelisten Lukas gar nicht erwhnt werden. Da wird nur gesagt, dass das Kind in einem Stall geboren wurde, Aweil in der  Herberge kein Platz fr sie war@ (Lk 2, 7), fr die  Eltern des Kindes. 

Nun muss man wissen, dass Ochs und Esel in damaliger Zeit die  wichtigsten Haustiere waren in Palstina. Und bei dem Propheten  Jesaja konnte man lesen: ADer Ochs kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe  seines Herrn, Israel aber erkennt nicht, mein Volk hat keine  Einsicht@ (Jes 1, 3). Und bei dem Propheten Habakuk stand geschrieben: AInmitten zweier Lebewesen wirst du dich offenbaren@ (Hab 3, 2). 

Was lag nher angesichts dieser Stellen aus den Bchern der  Propheten, als dass man Ochs und Esel als die zwei Lebewesen verstand, in deren Mitte das Wunder der Heiligen Nacht geschehen  war.

Diesen Gedanken finden wir schon bei den frhen Kirchenvtern, jenen frommen Theologen des christlichen Altertums, die in beispielhafter Weise die Wissenschaft mit der Frmmigkeit verbanden. Dabei sahen sie im Ochsen ein Bild fr das auserwhlte Volk, fr das  Volk  Israel, im Esel aber sahen sie ein Bild fr die Heidenvlker. Und sie fgten hinzu, dass die beiden vertrauten Tiere an der Krippe uns an die Wahrheit erinnern wollen, dass der Messias  fr alle Menschen gekommen ist, fr Juden und Heiden, dass es seit  dem Kommen des Erlsers keinen Unterschied mehr gibt zwischen Juden  und Heiden, dass seither alle Vlker der Erde das auserwhlte Volk  sind.

Die Kirchenvter wussten, dass der Ochs deshalb ein Bild fr das Volk des Alten Bundes sein konnte, weil er als reines Tier galt und  weil sein Fleisch geopfert und auch gegessen werden durfte. Demgegenber galt der Esel als ein unreines Tier in Israel. Er konnte nicht geopfert, und sein Fleisch konnte nicht gegessen werden.

Die lteste Darstellung des Geschehens der Heiligen Nacht will uns einfach die tiefere Bedeutung dieses Geschehens nahe bringen.  Darum fehlen zunchst noch die Mutter des Kindes und die anderen Personen, von denen im Weihnachtsevangelium die Rede ist. Der  ltesten Darstellung des Geschehens der Heiligen Nacht geht es darum, dass Gott ein Mensch geworden ist, um alle Menschen zu erlsen, dass er der Erlser aller Vlker sein wollte. Dazu gengten  das Kind in der Krippe und die symbolischen Vertreter Israels und der Heidenvlker. 

Maria erhielt erst spter einen Platz bei der Krippe, nmlich da,  als ihre Gottesmutter- schaft in Frage gestellt wurde. Das war im 5.  Jahrhundert. Im Jahre 431 wurde die Gottesmutterschaft Mariens in  Ephesus feierlich als Glaubenswahrheit definiert und verkndet. 

Dann kamen auch die Hirten und die Weisen hinzu, die einen als die Vertreter des Volkes Israel und die anderen als die Vertreter der Heiden. Sie konnten nun die Symbolik von Ochs und Esel  untersttzen und vertiefen. 

Dabei blieben die entscheidenden Elemente das gttliche Kind und der Glaube, dass das gttliche Kind der Erlser aller Menschen  ist.

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In dem, was die beiden Tiere, der Ochs und der Esel, symbolisieren und was wiederum die Hirten und die Weisen  symbolisieren, drfen wir uns selber wiederfinden. Denn, im Bild  gesprochen, gehren wir alle gleichzeitig dem Volk der Juden und dem Volk der Heiden an, dem Volk der Juden, das in der Krippenszene  durch den Ochsen und durch die Hirten dargestellt wird, und dem Volk der Heiden, das dort durch den Esel und durch die Weisen dargestellt  wird.

Der Ochs war in alter Zeit ein Zugtier, deswegen trug er das Joch, er zog den Wagen. Der Esel aber war ein Tragetier, er trug die Lasten.

Vom jdischen Volk heit es im Alten Testament, dass es immer  wieder aufbegehrte gegen Gott, dass es immer wieder Zweifel vorbrachte gegen Gott und sich das ihm auferlegte Joch erleichtern  wollte oder sich ihm gar entziehen wollte.

Nicht anders ist es bei uns: Wir wollen uns immer wieder dem Gesetz Christi entziehen durch schlaue Interpretationen und durch kluge Ausflchte, oder wir mchten es abschwchen, das Gesetz  Christi, oder wir versuchen, uns dieses Gesetz leichter zu machen mit faulen Kompromissen. Das verbindet uns mit den Juden des Alten Testamentes.

Was uns mit den Heiden verbindet, das ist die Versuchung, auf den  Kurs der Skulari- sierung einzuschwenken, uns in der Mentalitt der  Oberflchlichkeit und der Genusssucht Gott zu entziehen, vllig und  ohne Umschweife, und ihn einfach wie eine Last abzuwerfen. 

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Fr Juden und Heiden ist Gott Mensch geworden, fr alle Menschen und fr alle Vlker. Darum stehen in den ltesten Darstellungen des Geschehens der Heiligen Nacht der Ochs und der Esel an der Krippe,  spter dann auch die Hirten und die Weisen.

In den ltesten Darstellungen dieses Geschehens ging es primr um  das Geheimnis der Menschwerdung Gottes, die fr alle Menschen  erfolgt ist, wodurch die Berufung Israels auf alle Vlker  ausgeweitet wurde. Das wird deutlich, wenn Ochs und Esel schon frh einen Platz an der Krippe erhalten. 

Die Anerkennung dieser zwei Wahrheiten - Gott ist in unsere Welt gekommen,und er ist fr alle gekommen - die Anerkennung dieser zwei  Wahrheiten aber bedingt zum einen die Anbetung des Kindes und zum  anderen die Bereitschaft, das Joch und die Last dieses Kindes zu  tragen, das einmal verknden wird: AMein Joch ist s  und meine Brde ist leicht@ (Mt 11, 30). Die Bereitschaft, das Joch und die Last dieses  Kindes zu tragen, aber grndet letztlich in der Liebe, sie hat darin  ihren tiefsten Grund. Beides gehrt jedoch zusammen. In der Anbetung  ist die Liebe enthalten. Anbetung und Liebe sind hier zwei Aspekte  ein und derselben Sache. Die Anbetung ist die hchste Form der  Liebe.

Gott ist fr alle Menschen gekommen ist, um sie zu erlsen. Die  Erlsung erreicht jedoch nur jene, die guten Willens sind. Den guten  Willen aber bekunden wir durch unsere Anbetung und durch unsere  ttige Liebe. Es geht darum, dass wir, wie es im Evangelium heit, den Erlser aufnehmen. Amen.

 

Predigt zum Fest der Gottesmutterschaft Mariens am Neujahrstag, 

gehalten am 1. Januar 2004 in Freiburg, St.  Martin

Seit einigen Stunden ist das Jahr 2003 endgltig vorber. Der 1. Tag des Jahres 2004 hat begonnen. Dieses Faktum veranlasst uns, eine Weile zurckzuschauen in die Vergangenheit und eine Weile vorauszuschauen in die Zukunft. In der Vergangenheit und in der Zukunft begegnet uns jenes im Grunde rtselhafte Phnomen, das wir die Zeit nennen.

Wenn wir Rckschau halten und zugleich einen Blick auf die vor uns liegende Zukunft werfen, gehen wir davon aus, dass alle Zeit  Gottes Zeit ist - Gott hat sie geschaffen - und dass Gott ber aller Zeit steht. Unsere Zeit, von Gott geht sie aus, und in ihm findet  sie ihr Ziel. Wir kennen nur unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart und auch die nur bedingt, Gott aber kennt auch unsere Zukunft und mit der Zukunft kennt er unsere Vergangenheit und und  unsere Gegenwart bis in alle Einzelheiten hinein. Wie ein aufgeschlagenes Buch liegt unsere Zukunft vor ihm, zusammen mit  unserer Vergangenheit und mit unserer Gegenwart. Unsere  Vergangenheit und unsere Zukunft, sie sind seine Gegenwart. Dabei wissen wir, oder wir sollten es wissen, existentiell: Die Welt vergeht und alles, was in ihr ist. Was aber bleibt, das ist Gott und das ist unsere Seele. Durch unsere unsterbliche Seele haben wir Anteil an der Ewigkeit Gottes. Das heit: Wir haben zwar einen  Anfang, aber kein Ende. Als Menschen sind wir vergnglich, aber mit unserer unsterblichen Seele reichen wir hinein in die  Unvergnglichkeit Gottes. Das ist unsere Gre: Wir sind gleichsam  Brger zweier Welten. Diese Gre aber wird uns zum Verhngnis,  nmlich dann, wenn wir uns Gott gegenber versagen, wenn wir meinen,  wir knnten uns mit unserer Vergnglichkeit begngen. 

Der in Bethlehem Geborene, dessen Geburt wir in diesen Tagen feiern, er ist unser Schicksal. In ihm liegt unser Heil, aber auch  unser Unheil. Von ihm sagt der greise Simeon: Dieser ist gesetzt zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel (Lk 2, 34). Damit will er sagen: An ihm scheiden sich die Geister, und an ihm werden sie geschieden.

*

Wenn wir Rckschau halten, so mssen wir fragen, wie wir uns im  vergangenen Jahr zu Christus, an dem sich die Geister scheiden,  verhalten haben, wie wir uns verhalten haben zu ihm und zu seiner Kirche, in der uns der lebendige Christus begegnen will in seinem  Wort und in seiner Gnade. 

Wir mssen uns fragen, wie weit wir in diesem Jahr unser Unterwegssein gelebt haben, wie weit wir das Vorlufige als  vorlufig und das Endgltige als endgltig angesehen haben. Wir  mssen uns fragen, ob und wie weit das tgliche Gebet und die tgliche Erfllung des Willens Gottes unser Leben bestimmt haben  oder ob es so war, dass wir einfach gedankenlos in den Tag hineingelebt haben, gedankenlos und verantwortungslos. Wir mssen uns fragen, ob wir uns etwa der Welt angepasst haben, ob wir der Welt gleichfrmig geworden und dem Diesseitskult des Hedonismus unserer Tage verfallen sind. Wir mssen uns fragen, wie viele faule Kompromisse wir gemacht haben. Wir mssen uns schlielich fragen, ob wir nchtern und wachsam gewesen sind im Hinblick auf das  Gnadenwirken Gottes und ob wir auch in schweren Stunden Gott die Treue gehalten haben in dem Jahr, das nun hinter uns liegt. 

Wenn wir nun angesichts dieser Fragen denken, wir knnten  zufrieden sein mit uns, gerade dann knnen wir es nicht sein. Im 1. Johannesbrief werden wir an unsere Schwche erinnert, wenn es da heit: AWenn wir sagen, wir  htten keine Snde, so betrgen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns ... so machen wir ihn  zum Lgner (nmlich Gott der anders gesprochen hat), und sein Wort ist nicht in uns@ (1 Joh 1, 8-10). 

Unsere Schwche muss uns dann aber ein Ansporn sein, dass wir  unser Versagen bekennen und uns aufs neue Gott zuwenden, dass wir Gott um Vergebung bitten und einen neuen Anfang machen. Wenn wir  vertrauen auf Gottes Gnade, dann knnen wir wachsen und reifen als Christen. Und - das ist ein Faktum - unser Leben muss immer besser werden. Christus sagt: ASeid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist@ (Mt 5, 48).

Das Bekenntnis unseres Versagens ist das Eine, das Andere ist  unsere Dankbarkeit. Im Blick auf das vergangene Jahr  mssen  wir uns aufschwingen zu einem Gebet der Dankbarkeit. Danken mssen  wir Gott, dass wir diese Stunde berhaupt noch erleben drfen.  Viele, die das Jahr 2003 begonnen haben, konnten es nicht vollenden in dieser Zeitlichkeit. Danken mssen wir Gott aber auch fr die  vielen materiellen und geistigen Gter, die er uns im vergangenen  Jahr geschenkt hat. Danken mssen wir ihm fr das tgliche Brot, fr  Nahrung und Kleidung und Arbeit. Danken mssen wir ihm aber auch fr sein Wort, das uns verkndet wurde, fr die Sakramente, die wir empfangen durften, und fr die Gottesdienste, die wir mitfeiern durften. 

Wenn wir an diesem Morgen zurckblicken auf das alte Jahr, so  muss sich mit diesem Rckblick der Ausblick verbinden, ein Blick auf  das neue Jahr, das wir soeben begonnen haben, ein Blick in die  Zukunft, die vor uns liegt, in diesem Jahr und in den folgenden Jahren - so Gott will -, damit wir erkennen, worauf es ankommt. 

Unsere Zukunft ist ungewiss. Aber das Eine ist gewiss: Jeder Tag,  jede Stunde und jede Minute bringt uns dem Ende nher, dem Ende unseres Lebens und dem Ende dieser unserer Zeitlichkeit. Das aber ist schicksalhaft fr uns.

Und ein Weiteres ist hier zu bedenken: Die Ungewissheit unserer  Zukunft, sie wird zur Gewissheit durch den, der ber den Zeiten ist. Alles gereicht uns zum Guten, wenn wir ihn lieben. So lesen wir im  Rmerbrief (R 8, 28). Die Gestalt dieser Liebe zu ihm aber kann nur  im Gebet und im Opfer bestehen und im Gehorsam gegenber seinen  Geboten. 

Darum mssen wir unsere Versumnisse im vergangenen in gute  Vorstze umwandeln im Hinblick auf das vor uns liegende Jahr. 

Dabei mssen wir uns dessen bewusst sein, dass wir durch eine  Welt gehen, die Christus weithin nicht kennt und die ihn nicht  kennen will, weithin, ja, die ihn lstert und leugnet, ihn und mit  ihm seine Kirche. Deswegen mssen wir es ertragen, wenn wir um  unseres Glaubens willen  zurckgesetzt oder verspottet werden, manchmal gar von den eigenen Glaubensgenossen, die so tun, als seien  sie Glaubensgenossen, es in Wirklichkeit aber nicht sind oder nicht  mehr sind. 

In der Weihnachtsliturgie wird uns immer wieder das christliche  Lebensprogramm des Titusbriefes vor Augen gefhrt: ANchtern, gerecht und fromm lasst uns leben in dieser Welt in der seligen Hoffnung auf  die Ankunft unseres groen Gottes und Heilandes Jesus Christus@ (2 Tit 2, 12 f). Wenn das unsere Lebensmaxime wird, wenn wir uns bemhen, so zu leben, dann drfen wir sicher sein, dass Gott uns nicht verlt, in dem vor uns liegenden Jahr und in aller  Zukunft. Dann wird Gott uns auch einst mit seinen Heiligen  hinbergeleiten ber die Schwelle des Todes.

Gott fhrt uns durch seine heiligen Engel und durch die Heiligen,  wenn wir sie verehren. Er fhrt uns durch den Schutzengel, durch die Gottesmutter Maria, durch unseren Namenspatron und durch jene  Heiligen, auf die wir unser besonderes Vertrauen setzen.

*

Wir beginnen das neue Jahr mit dem Hochfest der  Gottesmutterschaft Mariens. Maria steht an der Spitze der  Gemeinschaft der vollendeten Heiligen. In ihr und durch sie finden  wir nicht nur Christus und den Vater im Himmel, in ihr und durch sie finden wir auch die Heiligen des Himmels. Es darf kein Tag vergehen  in diesem Jahr, an dem wir sie nicht gren, an dem wir ihr nicht ein Gebet schenken: ASei gegrt, o Knigin@, AUnter  deinen Schutz und Schirm@, AJungfrau, Mutter Gottes mein@. Und beten wir tglich mit groem Vertrauen: AHeilige Maria, bitte fr uns Snder, jetzt und in der Stunde  unseres Todes. Amen. 

 

Predigt zum Fest der Heiligen Familie, gehalten am 28. Dezember 2003 

in Freiburg, St. Martin

Als Gott in der Flle der Zeit in diese unsere Welt kam, kam er  nicht als ein erwachsener Mensch, sondern als ein Kind. Er wurde in  eine Familie hineingeboren, um 30 Jahre in ihr zu verbringen, um in ihr heranzuwachsen und in ihr sein Menschsein einzuben, charakterlich-ethisch und intellektuell.

Dass die Erlsung der Menschheit ihren Anfang in einer Familie nahm, das ist nicht selbstverstndlich. Gott htte auch andere Wege  der Erlsung ersinnen knnen. Wenn Gott nun diesen Weg gewhlt hat,  so ist das nicht von ungefhr geschehen. Wir mssen davon ausgehen,  dass Gott das getan hat, um seinen Schpfungsplan zu besttigen, um die Bedeutung der Familie fr die Menschheit zu unterstreichen und um der Familie gleichsam seinen besonderen Segen zu erteilen.  

Nach dem Plan Gottes sollte der Mensch aus einer Familie hervorgehen, um wieder - in der Regel - in eine neue Familie hineinzuwachsen. So sollte die Familie gleichsam eine elementare Schule der Menschen fr Leib und Seele und immer wieder ein  Jungbrunnen der menschlichen Gemeinschaft sein. 

Die Familie ist heute - wie vieles andere - in eine tiefe Krise  hineingeraten. Wir sind heute Zeugen einer gigantischen Zerstrung von Ehe und Familie, einer Zerstrung, wie sie ihresgleichen wohl nicht kennt in der Geschichte der Menschheit.

Zerstrt werden heute Ehe und Familie nicht nur, sofern man ihre Existenzberechtigung als solche in Frage stellt. Zerstrt werden sie  auch, sofern man die ihnen eigenen Aufgaben nicht mehr anerkennt,  sofern man ihre ureigenen Aufgaben pervertiert. Die einen wollen die  Familie gnzlich abschaffen, die anderen wollen ihr ganz neue Aufgaben zuerkennen. 

Ehefeindlichkeit und Kinderfeindlichkeit greifen um sich wie eine  Epidemie. Sie werden herbeigefhrt und gefrdert durch die  allgemeine Zerstrung der Scham und durch die Schamlosigkeit der Sexualisierung des ffentlichen Lebens, in der man vor nichts mehr zurckschreckt, rcksichtslos vor allem gegenber Kindern und jungen Menschen. Sie werden herbeigefhrt und gefrdert durch die Verherrlichung von Ehebruch und Ehescheidung. Nicht zuletzt werden sie herbeigefhrt und gefrdert durch die mehr und mehr sich  ausbreitende Abtreibung der Leibesfrucht, die als solche immer  wieder ein geradezu zynischer Vorgang ist.

Viele setzen heute auf andere Formen von Ehe und Familie, auf  alternative Mo-delle, wie sie es nennen. Und viele heirateten gar  nicht mehr oder praktizieren die kinderlose Ehe oder die Kleinstfamilie. 

Dabei wird ein hemmungsloser  Egoismus gelebt und  propagiert, der auch sonst weithin zum Leitprinzip einer - so muss  man sagen - Antipdagogik geworden ist, der sich besonders  katastrophal auf die Familien auswirkt.

Vielfach ist es so, dass die Verantwortlichen angesichts dieses  grandiosen Zerstrungswerkes hinschauen und das Problem herunterspielen oder einfach wegschauen und den Kopf in den Sand stecken. 

Dabei mssen wir uns klar machen, dass es ohne Familien keine  Zukunft gibt fr uns weder im Staat noch in der Gesellschaft noch in  der Kirche. 

Mit den Familien allein ist es allerdings noch nicht getan.  Erziehungsstark mssen sie sein, die Familien. Sonst knnen sie den totalen Zusammenbruch auch noch nicht aufhalten. 

Weil die Familie die Keimzelle des Volkes, der Vlker und auch der Kirche ist, deswegen ist, wo immer die Familie krank ist, die Gesellschaft und mit ihr die Kirche krank. Und wenn die Familie  zerstrt wird, so wird damit auch die Gesellschaft und mit ihr die  Kirche zerstrt. Um es genauer zu sagen: Es gibt hier so etwas wie  eine Wechselwirkung, es besteht hier das Verhltnis der  Interdependenz: Eine kranke Gesellschaft - und zuweilen ist auch die Kirche darin einbezogen, nmlich dann, wenn sie sich selbst untreu wird um der Anpassung willen -, zerstrt die Familie, und die kranke Familie zerstrt die Gesellschaft und mit ihr die Kirche.

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Wenn der menschgewordene Gottessohn im Scho einer Familie aufwchst, so bedeutet das fr die Familie das uneingeschrnkte Ja  Gottes zu ihr. Die Bande der Ehe und der Familie sind gottgewollt.  Und nicht nur das, auf ihnen ruht der besondere Segen Gottes. Das  gilt fr das Band zwischen den Eheleuten wie auch fr das Band  zwischen den Eltern und den Kindern. Immerhin ist die Ehe ein  Sakrament. Die Familie ist nach dem Willen Gottes die Schule  des Lebens. In der Familie soll nach dem Willen Gottes die  Gemeinschaft in den verschiedenen Formen erlernt und eingebt  werden. Und Gott hat den Menschen als ein Gemeinschaftswesen  geschaffen.

In der Familie sollen wir selbstlose Gte, Rcksichtnahme, Demut,  Geduld und Vergebungsbereitschaft lernen, Tugenden, die grundlegend sind fr jede harmonische Gemeinschaft. Vor allem soll uns in der  Familie das Verantwortungsbewusstsein vermittelt werden, vor allem  soll da die Verantwortung eingebt werden, die wir vor den Menschen und vor uns selber tragen, die Grundlage aller sittlichen  Verpflichtung. 

Das alles ist schwer, wenn die Religion ausgeklammert wird in den  Familien, wenn Gott darin keine Rolle mehr spielt, wenn es darin kein Gebet mehr gibt, wenn die Gottesliebe darin kein Fundament mehr  hat und wenn gar - wie es manchmal geschieht - das Zusammensein in  der Familie zum Kampf aller gegen alle entartet. 

Wenn wir heute, wenige Tage nach Weihnachten, das Fest der heiligen Familie be-gehen, so soll uns damit das entscheidende  Heilmittel fr die kranken und zerstr-ten Ehen und Familien prsent gemacht werden. Die Orientierung an der heiligen Familie von Nazareth, das ist die Lsung einer vordringlichen Misere im Staat,  in der Kirche und in der Gesellschaft. Es gibt nur  einen Weg zur Heilung dieser gesellschaftlichen und religisen  Wunden - wenn wir hier nicht gar schon von einer Agonie sprechen knnen -,  die neue Hinwendung zu Gott, zu seiner Schpfungs - und Heilsordnung, wie sie uns die Kirche vermittelt oder zu vermitteln hat. 

Nun werden wir immer wieder die Erfahrung machen, dass auch in guten christlichen Familien sich nicht alle Kinder beeindrucken lassen durch Gott, durch das Gebet und durch die Verantwortung vor  Gott oder dass auch in christlichen Familien einzelne oder gar alle Kinder ausbrechen und eigene Wege gehen.

Das ist dann eine schmerzliche Erfahrung, aber sie ist nicht berraschend, wenn wir uns klar machen, welche Macht die ffentliche  Meinung hat und wie schwer es ist fr den einzelnen, gegen den Strom der ffentlichen Meinung zu schwimmen. Vor Jahrzehnten sprach man von den geheimen Miterziehern. Die zerstrerischen Krfte einer  skularisierten Gesellschaft sind immens. Das ist sicher. Zuweilen hat man den Eindruck, dass es nicht ganz falsch ist, hier von der  Dmonie des Bsen zu sprechen.

Wenn uns solches widerfhrt, drfen wir indessen die Hoffnung  haben, dass die gute Saat, die wir in die Erde gelegt haben, doch eines Tages aufgehen und gute Frchte zeitigen wird. Das Leben lehrt  uns, dass man manchmal ein gutes Ziel erst auf vielen Umwegen und  nach langen Irrfahrten erreicht. Da bedarf es der Geduld  und des Vertrauens und vor allem auch des vertrauensvollen Gebetes. Ist man Zeuge solcher Irrwege, muss man um grenzenlose Gte bemht  sein, die jedoch gepaart sein muss mit der ntigen Festigkeit im  Grundstzlichen. Fest in den Prinzipien, also in den Grundstzen,  aber beweglich in ihrer Anwendung. Das ist ein alter pdagogischer Grundsatz, der auch christlich legitimiert ist. 

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Die Auflsungserscheinungen in Ehe und Familien bedingen die Auflsungserscheinungen in der Gesellschaft und auch in der Kirche und umgekehrt. Die Ehe und die Familie sind jedoch das Werk Gottes.  Gott hat sie gestiftet. Und er hat sie geheiligt durch das Leben des  Erlsers, der neun Zehntel seines irdischen Lebens in einer Familie  verbracht hat. Die Familie ist die Urzelle und die Grundform aller  menschlichen Gemeinschaft. Von ihr muss die Gesundung unserer  Gesellschaft und der Kirche ausgehen. Das wird  nur mglich sein, wenn Gott wieder einen zentralen Ort in den Familien erhlt, wenn die Familien wieder ein Hort des Gebetes werden, wenn in ihnen wieder die grundlegenden natrlichen und christlichen Tugenden  eingebt werden und - wenn in ihnen die Sakramente der Kirche wieder einen festen Platz einnehmen, vor allem das Sakrament der Bue und das Sakrament der Eucharistie. Amen.

 

Predigt zum 2. Weihnachtsfeiertag, gehalten am 26. Dezember 2003 

in Freiburg, St. Martin

Der Name Stephanus kommt aus dem Griechischen. Er bedeutet soviel  wie Ehrenkrone, Ehrenkranz oder Siegeskranz. Als die Eltern des  Stephanus ihrem Neugeborenen einst diesen Namen gegeben hatten, konnten sie nicht ahnen, dass er seinem Namen einmal in so eindrucksvoller Weise entsprechen werde, wie er das in seinem  Sterben getan hat. 

Stephanus trug einen griechischen Namen. Er war Diaspora-Jude. Seine Muttersprache war Griechisch. Er war nicht in Palstina  geboren und aufgewachsen. Irgendwo im weiten Imperium Romanum, im Rmischen Weltreich, hatte seine Wiege gestanden. 

Kurze Zeit nach dem Tod Jesu muss er nach Jerusalem gekommen sein. Er muss dann von den Jngern Jesu und von der Urgemeinde  gehrt haben und sich schon bald mit groer Begeisterung der Gemeinde Jesu angeschlossen haben. Er wird damals noch sehr jung gewesen sein. Dennoch muss er schon eine kraftvolle Persnlichkeit gewesen sein. So ist es verstndlich, dass er die Aufmerksamkeit der  Zwlf erregte, die der Urgemeinde von Jerusalem vorstanden. Daher  bertrugen sie ihm besondere Aufgaben und gaben ihm gar Anteil an  ihrer apostolischen Vollmacht, so dass er das Evangelium auch ffentlich verknden konnte. Seine Wirksamkeit dauerte jedoch nicht lange. Schon sehr bald wurde er ein Opfer des Neides und des  Fanatismus seiner Gegner. Sie steinigten ihn bei einem Volksauflauf.  So starb er den  Mrtyrertod, als Erster der Jnger Jesu in der jungen Kirche. An das Martyrium des Stephanus schloss sich, wie uns die Apostelgeschichte berichtet, die erste Verfolgung der Gemeinde  Jesu an. 

In seiner rgsten Bedrngnis sieht Stephanus den Himmel offen und  Christus in der Herrlichkeit des Vaters. Das macht ihn standhaft.  Dadurch wird er bestrkt in der Hoffnung auf den himmlischen Lohn.  So kann er getrstet in den Tod gehen mit den Worten: AHerr, nimm meinen  Geist auf!@

Im Sterben betet er schlielich um Gnade fr die, die ihn  steinigen. Nicht zuletzt in diesem seinem Beten offenbart er seine  ganze Gre. Wie einst Jesus am Kreuz fr seine Peiniger gebetet  hatte, so tat es nun auch sein Jnger. Und wie dieser drauen vor der Stadt gekreuzigt worden war, so erlitt nun der Erste seiner  Zeugen den gewaltsamen Tod, wiederum drauen vor der Stadt. 

Christus ist ein Ausgestoener in seinem Leben gewesen und in  seinem Sterben. So ist es immer wieder auch seinen Zeugen ergangen.  Dafr ist Stephanus exemplarisch, beispielhaft. 

*

Die Krippe verweist uns auf das Kreuz. Daran will uns das Fest des ersten Mrtyrers der jungen Kirche, der Gemeinde Jesu, heute, einen Tag nach der Feier der Geburt Christi, erinnern. Es ist das Geheimnis der Ablehnung Gottes und seines Heiles durch die Menschen,  das uns hier begegnet.

Nicht alle wenden sich gegen das Heil und gegen die Liebe Gottes,  aber viele tun es, und zwar zu allen Zeiten, von Anfang an. 

Nicht von ungefhr findet der Gottessohn keine Herberge, kein  Haus, in dem er geboren werden kann, und nicht von ungefhr stirbt er den Tod eines Verbrechers.

Fr die junge Christengemeinde und ihre Verkndigung war die Ablehnung ihres Christus eine schwere Belastung, eine bedeutende  Hypothek. Wir knnen uns vorstellen, dass die ersten Christen nicht  wenig darber nachgedacht haben, ber dieses Rtsel.

Und viele Auenstehende fassten sich an den Kopf: Wie sollte der der Heiland der Welt sein, den so viele Gescheite abgelehnt und den die Gescheiten ans Kreuz geschlagen hatten? 

Und - was noch schwerer wog - die Ablehnung, die Jesus erfahren  hatte, bertrug sich auch auf seine Anhnger.

Diese doppelte Ablehnung hat sich durchgehalten in der zweitausendjhrigen Geschichte des Christentums. Das Martyrium  gehrt wesenhaft zum Christentum, als krperliches oder als  geistiges Martyrium. 

Es gab zwar ruhigere Zeiten in der Geschichte des Christentums,  aber diese wurden nicht selten durch Verrat erkauft. Immer wieder  gab es in der Kirche Aaron-Typen, das heit: solche, die dem Volk entgegenkamen, die ihm seinen Willen gaben, die seine Forderungen  erfllten, denen die Gunst des Volkes wichtiger war als der Wille  Gottes. Aaron, der Bruder des Mose, hatte einst dem  alttestamentlichen Bundesvolk das goldene Kalb gegeben, weil er seine Ruhe haben und anerkannt sein wollte. Anders hatte es Mose gemacht, wenn er unermdlich in eherner Konsequenz den Willen Gottes  verkndet und die Rechte Gottes eingefordert hatte.

Wo immer Gottes Wille ohne Abstriche verkndet wurde in der  Geschichte des Christentums, da gab es die Verfolgung seiner  Propheten, wenn sie auch nicht immer mit deren Tod endete. Das war  schon im Alten Testament so.

Da drngen sich viele Fragen auf: Warum werden die Propheten Gottes verfolgt in dieser Welt? Warum haben Jesus und seine Zeugen so viel Ablehnung erfahren, am Anfang, aber auch spter? Warum haben sie so viel Grausamkeit und Zorn hervor- gerufen bei den Menschen?  Und: Warum Aknirschen@ die Menschen immer wieder Amit den Zhnen@, wenn ihnen die Heilsbotschaft verkndet wird?

Im Evangelium des Johannes findet die Ablehnung Jesu und seiner  Zeugen gleichsam einen klassischen Ausdruck, wenn es da heit: AEr kam in sein Eigentum, aber die Seinigen nahmen ihn nicht auf@ (Joh 1, 11).

Also: Warum diese Ablehnung? Warum steht neben der Krippe das  Kreuz? Warum feiern wir einen Tag nach dem Geburtsfest des Gottessohnes das Fest seines ersten Mrtyrers? Auf all diese Fragen gibt es nur die eine Antwort: Deswegen, weil wir durch die Ursnde,  durch den Stolz, durch die Auflehnung und durch die Rebellion der  ersten Menschen verwundet sind.

Bei dem Geschehen um Stephanus wird das sehr deutlich: Sie waren seiner Weisheit und seinem Geist nicht gewachsen. Sie wollten es besser wissen.

Wer Hilfe in Anspruch nehmen will, der muss zugeben, dass er hilfsbedrftig ist. Das bedeutet, dass er demtig werden muss. Und das fllt uns unendlich schwer. 

Eigentlich gibt es zwei Formen des Stolzes: zum einen die  ursprngliche Selbstber- schtzung, die primre Selbstberhebung, und zum anderen jene Form des Stolzes, die aus der Erkenntnis der eigenen Kleinheit und Hilfsbedrftigkeit hervorgeht, sie jedoch  nicht wahr haben will und sie daher vor sich selbst und vor den  Mitmenschen verbergen mchte. 

Wenn wir nur die Augen aufmachen, so erkennen wir, wieviel Selbstgerechtigkeit und Grosprecherei, Aufgeblasenheit und  Besserwisserei es gibt in unserer Welt. Da liegt der eigentliche  Grund fr die Verfolgung der Jnger Christi.

Gewiss geht auch manches auf das Konto der Dummheit. Vieles ist  einfach unberlegtes Mitlufertum. Aber es bleibt noch Vieles, das  als schuldhaft angesehen werden muss, mehr oder weniger.

Der Stolz gebiert den Neid. Der Neid aber fordert die Beseitigung  des Gegners, physisch, das heit: krperlich, oder geistig.

Wer aber Christus und seine Zeugen nicht aufnimmt, der zerstrt  sein ewiges Leben. Wer Gott nicht will, den will auch Gott  schlielich nicht. Das drfen wir nicht vergessen. 

Darum preist Jesus die Armen im Geiste selig, weil sie demtig sind und das Heil Gottes nicht zurckweisen, weil sie Christus und  seine Jnger aufnehmen, auch wenn sie Schweres fordern.

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Um zwei Dinge mssen wir besorgt sein, zum einen darum, dass wir nicht zu den Verfolgern Christi und seiner Getreuen gehren - zuweilen hat die Verfolgung Christi und seiner Getreuen eine sehr  subtile Gestalt -, zum anderen mssen wir darum besorgt sein, dass wir nicht davor zurckschrecken, um Christi willen verfolgt zu werden. 

Stephanus erhlt den Siegeskranz, wie es auch sein Name zum  Ausdruck bringt, weil er sich in Demut dem Kind von Bethlehem, dem  Heiland der Welt, anschliet und weil er mutig dessen Schicksal, die  Ablehnung der Menschen, auf sich nimmt. Er ist fr uns alle ein Modell der Nachfolge Christi. Amen.

 

Predigt zum 1. Weihnachtsfeiertag, gehalten am 25. Dezember 2003 

in Freiburg, St. Martin

Wir feiern heute einen Geburtstag, nicht den Geburtstag eines  groen und verdienstvollen Menschen, sondern des Gottmenschen Jesus von Nazareth, wir begehen den Geburtstag unseres Erlsers. Im Schweigen der Nacht, drauen vor den Toren einer kleinen Stadt, ist  der ewige und unbegreifliche Gott in einer geschichtlichen Stunde in Menschengestalt zu uns gekommen, wurde er als ein Mensch geboren. Darum nennen wir diesen Tag das Fest der geweihten Nacht oder der heiligen Nacht, denn weihen heit heiligen. In der Nacht vor diesem Tag ist das groe Wunder geschehen, das uns zusammengefhrt hat, in  dem in einzigartiger Weise der Himmel mit der Erde verbunden worden ist.

Der Menschwerdung Gottes, dem Geheimnis dieses Tages, knnen sich  auch die vielen nicht ganz entziehen, fr die der, dessen  Geburtsfest wir feiern, im Leben keine Rolle mehr spielt oder die in ihm nur mehr einen gewhnlichen Menschen sehen. Sie ahnen, dass sie  mit ihrem vorgrndigen Leben auf dem Holzweg sind - bei zwei Drittel und mehr bewegt sich diese Zahl, bei den jngeren Leuten, bei den  lteren ist der Anteil etwas niedriger. Viele, die sich vom  Christentum abgewandt haben, denen der Stifter des Christentums nicht mehr viel bedeutet, knnen sich wenigstens am heutigen Tag dem Gedanken, dass dieser mehr gewesen ist als nur ein Mensch, nicht  ganz entziehen. Darum tauchen sie in diesen Tagen ein in eine gewisse Gefhlsseligkeit, werden sie nachdenklich, nachdenklicher als sie es fr gewhnlich sind, und strmen in die Kirchen, um dann  jedoch sogleich oder bald wieder fortzufahren mit ihrer gewohnten Oberflchlichkeit und mit ihrer gewohnten Gedankenlosigkeit.

Dieser Tage hie es in den Nachrichten: Auch wenn die Menschen nicht mehr den christlichen Glauben haben, legen sie doch Wert  darauf, Weihnachten zu feiern.

Wir wollen in dieser weihnachtlichen Besinnung bei zwei Fragen innehalten: Die erste Frage lautet: Was ist das Geheimnis der Nacht  von Bethlehem in seiner Tiefe?  Und die zweite Frage: Was  bedeutet das fr unser Leben?

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Der Geburtstag des Stifters des Christentums ist der Tag der Menschwerdung Gottes. Gott macht sich klein und arm. Er nimmt, wie  es der Philipperbrief sagt, Knechtsgestalt an. Er macht sich klein und arm, um uns gro und reich zu machen. Er nimmt Knechtsgestalt  an, um uns an seiner Herrschaft teilnehmen zu lassen. Er kommt zu  uns als ein Mensch, damit wir zu ihm kommen knnen.

Was damit gemeint ist, knnen wir nur ermessen, wenn wir es  wissen und wenn wir es auch wahr haben wollen - manches wissen wir  nicht, weil wir es nicht wahr haben wollen - , was mit dem Kommen Gottes gemeint ist, knnen wir nur ermessen, wenn wir darum wissen,  dass die Welt arm ist, wenn sie auf sich selbst zurckgeworfen ist, dass sie arm ist ohne Gott und ohne die Ewigkeit Gottes, die uns  verheien ist in der Menschwerdung Gottes, dass ein Riss durch diese  unsere Welt geht, jener Riss, den wir auf die Ursnde zurckfhren,  auf eine Katastrophe am Anfang der Geschichte der Menschheit. 

Was Gottesferne bedeutet, das knnen wir berall da erkennen, wo man nur seinen Trieben lebt, wo Hass und Gewalt das Szepter fhren, wo Not und Verzweiflung die Menschen qulen, wo Protest, Arroganz  und Rebellion herrschen, wo Heuchelei und Lge, Rcksichtslosigkeit  und Mord, Langeweile und Sinnlosigkeit, Sensation und Lrm das Sagen  haben.

Wenn wir wissen wollen, was die unerlste Welt bedeutet, so  brauchen wir nicht die Geschichte vor Christus zu studieren, so brauchen wir nur den Kopf durchs Fenster zu strecken und in unsere Welt hineinzuschauen, ja, so brauchen wir nur bei uns selbst einzukehren und die tiefen Abgrnde unserer eigenen Seele zu betrachten.

Wo immer wir an Gott vorbeileben, wo immer wir uns dem unheiligen  Geist der Zeit berlassen, wo immer wir selber ber unser Tun und Lassen bestimmen wollen und es ablehnen, in Verantwortung vor dem ewigen Gott unser Leben zu gestalten, wo immer wir uns dem Wohlleben  ausliefern, da mag uns vielleicht das Leben eine Weile recht  angenehm erscheinen, wenn wir dann aber die Oberflche durchstoen oder dazu gezwungen werden durch die Verhltnisse, dann stehen wir vor Abgrnden. 

Wenn Gott in unsere Welt gekommen ist in der Gestalt eines Menschen, so wollte er diese Welt erlsen. Denn alles Leid und alle Not, alle Sinnlosigkeit und alle Ausweglosigkeit, alle nagende  Zwietracht und alle Entzweiung, kurz: alles, was uns beschwert und  unglcklich macht, grndet letztlich in der Ursnde, im Stolz des  ersten Menschenpaares, in der Selbstherrlichkeit und in der  Rebellion der ersten Menschen. Darum nahm Gott die Knechtsgestalt an, um das Aufbegehren der Menschen, ihre Anmaung und ihren Stolz wiedergutzumachen, um ihnen, den Menschen, eine neue Chance zu geben. Er wollte sie aus dem Widerstreit mit sich selbst und mit der  Welt wieder herausfhren. Gott erniedrigte sich in Christus, um die Selbsterhebung des Menschen auf seine Weise zu beantworten und um ihm die Richtung anzugeben, in der allein die Heilung, das Heil, gefunden werden kann. Gott steigt herab, um uns die Mglichkeit zu geben, zu ihm aufzusteigen. Der Gottmensch bringt die Vershnung und den Frieden denen, die guten Willens sind. Darum bleibt die Welt  unerlst - faktisch, so sehr sie in der Theorie erlst ist -, darum bleibt die Welt faktisch unerlst, wo immer sie die Finsternis mehr liebt als das Licht, wo die Menschen nicht guten Willens sind.

Damit sind wir schon bei der zweiten Frage angekommen, die wir uns stellen wollten: Was bedeutet die Erlsung fr uns? - Da nun  muss die Antwort lauten: Wir mssen die Hand ergreifen, die Gott uns  entgegenstreckt in seinem Sohn, der Mensch geworden ist. Wir mssen uns zu dem Gottmenschen bekennen in unserem Leben und ihm nachfolgen in unseren Taten, dem Gottmenschen, der gewissermaen fortlebt in seiner Kirche, in der Kirche der Jahrhunderte, die, nicht anders als ihr Herr, der sie einst gestiftet und grundgelegt hat, verkannt und  entstellt, geschmht und verleumdet, verraten und verhhnt -  manchmal gar durch ihre eigenen Reprsentanten - auf ihrem Pilgerweg durch die Zeit hindurchschreitet. Wer die Kirche verrt und verhhnt, der verrt und verhhnt Christus selber und macht fr seinen Teil die Erlsung zunichte.

Erlsung und Unerlstheit stehen also nebeneinander, sie koexistieren, sofern die einen den Weg des Stolzes, des Hasses und  der Gottlosigkeit whlen, die anderen den Weg der Demut, des Dienstes, der selbstlosen Liebe und der Gottesfurcht. Bei dem Wissen beginnt es, aber wichtiger als das Wissen ist das Wollen, ist der  gute Wille. Auf ihn kommt es an - im Grunde. 

So verstanden wird eigentlich die Erlsung immer neu. Aber sie wird es nicht un-bedingt da, wo uerer Glanz ist. 

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Der menschgewordene Gott kommt, um die ursprngliche Harmonie  wiederherzustellen, um der Welt den Frieden zu bringen und sie so zu erlsen, um sie so aus der Zeit in seine Ewigkeit zu fhren. Dieses Kommen ist aber vergeblich fr uns, wenn wir nicht guten Willens  sind, wenn wir die Finsternis mehr lieben als das Licht. Das Kommen des Erlsers ist vergeblich fr uns, wenn wir in der Unerlstheit verharren wollen. Der gute Wille aber steht im Zeichen der Selbstverdemtigung, der Barmherzigkeit und des Opfers und - der Hinwendung zu Gott und zur Ewigkeit. Amen.

 

Predigt zum 4. Adventssonntag,  gehalten am 21.  Dezember 2003 

in Freiburg, St. Martin

Die Begegnung der beiden Frauen Maria und Elisabeth, wovon das Evangelium berichtet, hat eine bewegende Szene zum Inhalt, eine  Szene aus dem Neuen Testament, die immer wieder die Knstler  inspiriert hat. AHeimsuchung Mariens@ nennen wir sie. Sie gehrt in den Advent hinein, denn sie  spricht von der Erwartung des Erlsers, von der Erwartung des Kindes der Verheiung. Schon vor seiner Geburt wird dieses Kind dank der  Offenbarung Gottes durch Elisabeth erkannt in seiner Bedeutung, wenn diese Maria und das Kind seligpreist, wenn sie  Maria als die Mutter ihres Herrn bezeichnet und damit den Gru des Verkndigungsengels weiterfhrt mit Worten, die wir noch heute im AGegret seist du, Maria@ beten: ADu bist gebenedeit  unter den Frauen@, das heit: Du bist gesegnet unter den Frauen, Aund gebenedeit ist  die Frucht deines Leibes@, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Dabei vernimmt  Maria die uns so vertraute Feststellung ihrer Verwandten Aselig bist du, weil du geglaubt hast, dass die Worte erfllt werden, die dir von Gott  gesagt wurden@.

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Bei der Verkndigung hatte Maria ihren Glauben in die Worte  gefasst: ASiehe, ich bin die Magd des Herrn!@ Sie hatte ja  gesagt zu Gottes Plnen. Sie hatte ihren Glauben bekannt in der  Hingabe an den Willen Gottes, und sie hatte sich Gott willig  untergeordnet, um ihm als Werkzeug zu dienen. 

Immer beginnt der Glaube bei der Demut, und immer hat er die Gestalt der Hingabe an den Willen Gottes.

Zwar bedarf der Glaube auch der Rechtfertigung vor der Vernunft, denn sonst knnte man alles Mgliche glauben, knnte man heute dies  und morgen das glau-ben, wie es faktisch allerdings oft geschieht.  Der Glaube kann und darf sich nicht nur auf das Gefhl berufen. Gefhle sind wechselhaft und unzuverlssig. Und sie sind allzusehr unterschiedlich bei den Menschen. Ich kann Gott nur Glauben  schenken, wenn ich wei, dass er es ist, der mich anspricht in seinem Wort. Das aber bedarf einer vernnftigen Prfung. Dennoch beginnt der Glaube bei der Demut, trgt er immer die Gestalt der Hingabe an den Willen Gottes. Denn glauben heit gehorchen, heit  nicht auf sein eigenes Erkennen vertrauen, sondern auf das Erkennen Gottes, heit nicht seinen eigenen Willen erfllen, sondern den  Willen Gottes.

ADer Glaube kommt  vom Hren@, so lesen wir im Rmerbrief (R 10,17). Und das  Ttigkeitswort Agehorchen@ meint von seinem Wortsinn her ein intensives Hren. Dieses  aber schliet immer die Bereitschaft zum Handeln in sich, die  Bereitschaft zur Tat. Hren kann man jedoch nur, wenn man nicht  fortwhrend redet. Man muss still werden, um hren zu knnen. Das aber will der Stolze nicht, der Hochmtige, der sich selbst  berschtzt und berheblich ist in seinem Denken und in seinem Verhalten. Er will nur immerzu reden.

Maria wird selig gepriesen, weil sie geglaubt hat. Nur als Glaubende konnte sie die Mutter Gottes, die Mutter des Erlsers  werden. In Verbindung mit ihrer Hingabe an Gott brachte ihr der  Glaube die Gnade der Gottesmutterschaft. Uns bringt er in Verbindung  mit der Hingabe an den Gott der Offenbarung die Gnade des ewigen Lebens, der ewigen Gemeinschaft mit ihm.

Die Kirchenvter betonen in der Frhzeit der Kirche, dass Maria  zuerst das Wort Gottes im Glauben empfing, bevor sie die Mutter  dieses Wortes wurde, und dass die Empfngnis des Wortes Gottes im Glauben die grere und die bedeutendere gewesen ist fr sie.

Darum verehren wir Maria als die Mutter der Glaubenden, ja, als  die Mutter der Kirche, der Gemeinschaft der Glaubenden.

Der Glaube ist das Problem der Menschen unserer Tage geworden, oder besser: der Unglaube, der verlorene Glaube.Viele haben die Fhigkeit zu glauben verloren. Aber grer noch scheint  die Zahl derer zu sein, die nicht glauben wollen. Daraus ergeben  sich die zahllosen Schwierigkeiten und die zahllosen Nte, mit denen  wir uns herumschlagen heute, in unserem persnlichen Leben, aber auch in der Kirche und in der Welt.

Der Unglaube - sei es, dass er seinen Grund im Nicht-Knnen hat, sei es, dass er seinen Grund im Nicht-Wollen hat -, er macht es den Verantwortlichen heute so schwer, die Herde Christi zu leiten und  die Kirche Gottes zu fhren. Er ist die eigentliche Quelle der  ungezhlten Bedrngnisse nicht nur in unserem persnlichen Leben,  auch im Leben unserer Gesellschaft und im Verhltnis der Staaten untereinander. Die wachsende Kriminalitt, den Terrorismus, die zahllosen Verletzungen der Menschenrechte und die verbreitete  Ratlosigkeit, all das gbe es nicht, wenn wir alle einen lebendigen Glauben htten und wenn die Demut und die Hingabe an den Gott der  Offenbarung unser aller Leben bestimmen wrden. 

Wenn wir hren auf Gott, wenn wir Gott gehorchen, wenn wir mit Maria sprechen Aich  bin die Magd des Herrn@ und ihr nachfolgen in ihrer Bereitschaft zum Dienen, dann  regiert Gott in unserem Leben, dann befriedet er dieses unser Leben  und dann macht er uns glcklich, schon in diesem Leben. Und je grer die Zahl derer ist, die es so machen, um so mehr wird Gott der Herr dieser Welt, um so mehr wird Gott sein Reich aufrichten in  dieser Welt.

Maria hat uns einst den Erlser gebracht, weil sie sich als die  demtige Magd Gottes verstanden hat: ASiehe, ich bin die  Magd des Herrn!@ In dieser Wirklichkeit begegnet uns das Grundgesetz der  Heils- und Erlsungsordnung. Gott kommt nur zu uns, wenn wir ihn  glubig, das heit, demtig hrend erwarten, wenn wir uns bemhen, Knechte und Mgde Gottes zu sein, wenn wir unseren Stolz berwinden  und unsere Kleinheit und Armut vor Gott erkennen und gelten lassen, wenn wir hren auf ihn und sein Wort und wenn wir ihm Gehorsam schenken. Stets hat Gott die Freiheit des Menschen respektiert.  Darum teilt er sich nur denen mit in seiner Gnade, die alle Selbstberschtzung und alle Selbstgerechtigkeit ablegen, die nicht ihre eigene Ehre suchen, die nicht immerfort reden, die vielmehr hren und still werden, die auf ihn ihre Hoffnung setzen und die seinen heiligen Willen zur Norm ihres Lebens machen.

Das ist die Lsung fr uns und fr alle Nte, die uns bedrngen, und was fr uns im Kleinen gilt, das gilt auch fr unsere Welt im Groen, das ist  die Lsung fr uns und fr alle Nte, die uns bedrngen, dass wir auf Maria schauen, die stille Frau von Nazareth, und ihr Beispiel nachahmen, dass wir demtig glauben und den Willen Gottes erfllen. Sie singt im Magnificat: ADie Niedrigen hat Gott erhoben, die Stolzen hat er vom Thron gestrzt.@ Wer Gott begegnen  und seine Hilfe erlangen will, der muss jene Haltung haben, die Maria auf die kurze Formel bringt: ASiehe, ich bin die Magd des Herrn!@

Bemhen wir uns nicht darum, so sind all unsere Gebete vergeblich, so sind alle Sakramente, die wir empfangen, unwirksam und stumpf.

*

In wenigen Tagen geht der liturgische Advent zu Ende, der Advent des Lebens aber geht weiter. Das Ziel der Geschichte ist die groe  Ankunft Gottes am Ende aller Tage. Nur dann finden wir das Heil -  das Heil ist der Inbegriff unserer Sehnsucht - , wenn wir uns wie Maria immer wieder als Knechte und Mgde Gottes bekennen, nicht nur  in Worten, sondern auch und vor allem durch unser Leben.

Von Christus, unserem Erlser, heit es heute in der Lesung: ASiehe ich komme deinen Willen zu erfllen@. Der Wille des Vaters, der Gehorsam bis zum Tod, hat sein Leben geprgt. Das Alte  Testament bezeichnet ihn als den Knecht Gottes. Ihn, den Knecht Gottes, brachte uns die Magd des Herrn.

Wir knnen ihn nur dann empfangen, hier in der Verborgenheit der Gnade und am Ende als unseren ewigen Erlser und Heiland, wenn wir Knechte Gottes sind, wie er es gewesen ist, wenn wir demtig unsere  Armseligkeit erkennen und unsere Bereitschaft zu Hingabe an ihn bekunden durch unser Leben, jeden Tag aufs neue. Amen.

 

Predigt zum 3. Adventssonntag, gehalten am 14. Dezember 2003 

in Freiburg, St. Martin

Johannes der Tufer, der adventliche Prophet, spricht heute im Evangelium wiederum, wie schon am vergangenen Sonntag, von unserer  Vorbereitung auf das Kommen Christi. Dieses Mal denkt er dabei allein an das Kommen Christi zum Gericht, an das Kommen Christi am Ende unserer Tage. Denn er spricht davon, dass der Messias die Spreu von dem Weizen trennen wird, dass er die Spreu verbrennen und den Weizen in die ewigen Scheunen einbringen wird. Das bedeutet: Nur wer sich recht vorbereitet auf das Kommen Christi, der kann guter Weizen  sein. Das haben die Menschen, die zu Johannes gekommen sind, wohl verstanden. Deshalb fragen sie ihn, was sie nun tun mssen  und wie sie sich nun vorbereiten sollen. Und die Antwort des  Propheten lautet: Ihr msst Gerechtigkeit ben und ttige Liebe. Das  ist, so fgt Paulus dem in der Lesung des heutigen Sonntags hinzu,  nicht nur der Weg zum ewigen Leben, sondern auch zur Freude, zur wahren Freude, schon in diesem unserem irdischen Leben.

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Denken wir zunchst noch ein wenig nach ber die Antwort des Tufers. Die vielen suchenden Menschen, die seinem Worte lauschen, sie fragen ihn: Was mssen wir tun? Und er antwortet: Wer zwei Gewnder hat, gebe eines davon ab, und wer zu essen hat, gebe dem davon mit, der nichts hat. 

Die Zllner, die ihn fragen: Was sollen wir tun?, erhalten zur Antwort: Nehmt nur, was euch zusteht! Hrt auf, euch an fremdem Eigentum zu bereichern! Den Soldaten, die mit der gleichen Frage zu  ihm kommen, ihnen antwortet er: Seid nicht mehr gewaltttig! Wir  wrden heute sagen: Hrt auf, eure Macht zu missbrauchen! Und der  Tufer fgt noch hinzu: Seid zufrieden mit eurem Sold, seid zufrieden mit dem, was ihr habt!

Damit wird klar, dass jeder in seinem Beruf bleiben kann, sofern dieser Beruf nicht in sich ehrlos ist, damit wird die Wahrheit  unterstrichen, dass es nicht auf das an-kommt, was man arbeitet, dass es vielmehr auf das Wie ankommt, auf den Geist, in dem man seine Arbeit verrichtet, denn Gott hat  andere Mastbe, als die Menschen sie haben. Dieser Geist aber nimmt  Gestalt an in der gewissenhaften bung der Gerechtigkeit und der  ttigen Liebe.

Das bedeutet im einzelnen, dass wir uns den Blick fr den  Nchsten bewahren, dass wir nicht den eigenen Vorteil suchen und unsere Mitmenschen bervorteilen, dass wir ihnen gegenber stets  wohlwollend sind, dass wir jedem das zuerkennen, was ihm zusteht, dass wir jeden Tag aufs neue unseren Mitmenschen mit der Liebe  Gottes begegnen und dass wir stets die Rechenschaft vor Augen haben,  die wir einmal ber unser Leben ablegen mssen.

Den Nchsten als Nchsten im Blick zu behalten, das gelingt uns  am besten, wenn wir Gott nicht aus den Augen verlieren. Damit aber  sind wir bei der Bedeutung des Gebetes.

Das Fehlen von Gerechtigkeit und Liebe, das ist die entscheidende  Mangelkrankheit, an der unsere Welt heute leidet. Und weil wir als Christen nicht viel weniger betroffen sind von dieser Krankheit als die nicht mehr Glubigen, deshalb wird der christliche Glaube vielen Auenstehenden heute zum rgernis. Gewiss, man spricht genug von der Liebe und von der Gerechtigkeit in kirchlichen Kreisen, bergenug, aber dabei bleibt es allzu oft. Das ist hier hnlich wie bei der Tugend der Dankbarkeit und bei vielen anderen Tugenden. 

Fr die Gerechtigkeit und fr die Liebe, dafr mssen wir  streiten, dafr mssen uns einsetzen, aber zuerst mssen wir sie  selber ben.

Wir mssen von uns selber loskommen und alle Ichbezogenheit und  allen Egoismus ablegen. Ichbezogenheit und Egoismus sind im Grunde  tricht, weil sie nicht unserer wahren Natur entsprechen und uns deshalb den Frieden rauben, den inneren Frieden, weil sie uns einsam machen und unglcklich.

Die verschiedenen Stnde treten damals an Johannes heran, sie  drngen sich an ihn heran und fragen ihn: Was mssen wir tun? Wir  oder viele von uns fragen nicht einmal mehr so. Viele von uns  begngen sich einfach damit, das zu tun, was ihnen gefllt. Und vielleicht machen wir selber es oft wie die vielen. 

Unsere Verantwortungslosigkeit und unsere Leichtferigkeit im Handeln aber fhrt uns ins Unglck.

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Die Antwort des Tufers wird von Paulus in der Lesung erlutert  und ausgeweitet, wenn er die Freude des Christen anspricht. Er  spricht von der Gte und meint damit die Gerechtigkeit und die  ttige Liebe. Sie, diese Gte, fhrt, so erklrt der Vlkerapostel, zur Freude, zur wahren Freude.

Wer den Willen Gottes erfllt, der findet nicht nur das ewige  Leben, der wird darin auch wahrhaft froh. Die Freude aber ist der Inbegriff des Glcks, nach dem wir alle streben.

Glcklich werden wir nur, wenn wir Gerechtigkeit ben und ttige Liebe. Das lehrt uns das Wort der Schrift. Das lehrt uns aber auch  die Erfahrung des Lebens. Wer nur nach dem eigenen Geschmack lebt,  wer keine Verantwortung kennt, wer immer tut, was ihm gefllt, und  wer nur sich selber kennt, der kann nicht glcklich werden.

Vielen unserer Zeitgenossen, vielleicht gar den meisten, ist die Freudlosigkeit auf die Stirn geschrieben, das innere  Unglcklichsein. Darum sind viele so genussschtig und  sensationshungrig. Sie sind auf der Suche nach der Freude, verstricken sich aber immer mehr in der Freudlosigkeit. 

Wir mssen unterscheiden zwischen den Freuden und der Freude. Das eine knnen wir produzieren oder uns produzieren lassen, das andere aber kann uns nur geschenkt werden. Es wird uns  geschenkt, wenn wir uns ffnen fr dieses Geschenk durch unser  rechtes Handeln.

Der Rausch kann uns die Wirklichkeit eine Weile vergessen machen,  aber glcklich machen kann er uns nicht. Die wahre Freude, der  Inbegriff des Glcks, nach dem wir alle streben, sie hat ihren Ort in der Tiefe unseres Menschseins. Wir finden sie nicht, es sei denn  in der Erfllung des Willens Gottes, indem wir Gerechtigkeit und ttige Liebe ben, Recht und Erbarmen. Das aber gelingt uns umso  besser, je mehr wir uns im Gebet mit Gott verbinden. 

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Die zwei Antworten, die Antwort des Johannes und des Paulus, ergnzen einander. Wenn wir uns dem Nchsten zuwenden in Gerechtigkeit und Liebe, aus der Kraft der liebenden Verbundenheit  mit Gott, dann knnen wir bestehen vor dem, der kommen wird zum Gericht, der kommen wird am Ende unserer Tage. Das ist die Antwort des Tufers. Aus unserer Gte aber, aus unserer gewissenhaften bung  der Gerechtigkeit und der Liebe in der Verbundenheit mit dem ewigen Gott, daraus erwchst die Freude, die wahre Freude, die uns niemand  nehmen kann, schon in diesem unserem irdischen Leben. Das ist die Antwort des Vlkerapostels. - Auch an diesem Punkt erweist sich das  Evangelium in Wahrheit als eine frohe, als eine froh machende  Botschaft. Amen.

 

Predigt zum 2. Adventssonntag, gehalten am 7.  Dezember 2003 

in Freiburg, St. Martin 

 

Alles Bedeutsame, alles, was von Gewicht ist in unserem Leben, bedarf der Vorbereitung. Das ist eine tiefe Weisheit, die viele von uns vergessen haben und die ebenso viele nicht wahr haben wollen. Denn Vorbereitung bedeutet Gefordert-Sein und Sich-Anstrengen, bedeutet Warten-Knnen und Geduld-Haben. Wer will das schon auf sich nehmen?

Die Vorbereitung ist um so wichtiger, je grer und je bedeutsamer das Ereignis ist, das bevorsteht und das zu bestehen ist. Versumen wir sie, die Vorbereitung, so ist das Ereignis  vergeblich, so kann es seine prgende Kraft nicht entfalten.

Die Vorbereitung auf das Geheimnis des kommenden Festes ist das  Thema des heutigen Sonntags.

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In einer sehr eindrucksvollen bildhaften, ja, dichterischen  Sprache ist im Evangelium die Rede von dieser Vorbereitung. Da heit es: ABereitet den Weg  des Herrn. Macht gerade seine Pfade. Jedes Tal soll ausgefllt, und  jeder Berg soll abgetragen werden. Was uneben ist, soll eben werden, was krumm ist, soll gerade werden@.

Das Fest der Geburt Christi enthlt irgendwie, was es bezeichnet.  Es bedeutet eine neue Ankunft Gottes in dieser Welt, Gottes Kommen in der Gnade, eine Vertiefung seiner Gemeinschaft mit uns, eine Verlebendigung dessen, was in der Menschwerdung Gottes vor 2000 Jahren begonnen hat. Zugleich weist diese verborgene Ankunft uns hin auf den letzten Advent Gottes am Ende aller Tage, da Gott endlich  und endgltig aus der Verborgenheit hervortreten wird, um sein Erlsungswerk zu vollenden und um allen gleichsam die Quittung ihres Lebens zu geben.

Das sollen wir vorbereiten, das Kommen Gottes jetzt und das Kommen Gottes am Ende. Durch die Vorbereitung auf das Kommen Gottes jetzt sollen wir die Vorbereitung auf sein  Kommen am Ende einben. 

In jedem Fall geschieht die Vorbereitung durch Werke des Verzichts und der Entsagung, die Ausdruck der Bue, der inneren Umkehr, und der neuen Hinwendung zu Gott sind. Nichts anderes meinen die groen Worte des Johannes, nichts anderes meint seine Taufe, nichts anderes meint sein entbehrungsreiches Leben. 

Verzicht und Entsagung, Abttung und Selbstberwindung, das  klingt zwar unzeitgem, ist es jedoch nicht, keineswegs. Mit diesen  bungen oder Haltungen sind wir vielmehr im Zentrum der Religion Jesu, die eine Religion des Kreuzes ist und zugleich eine Religion,  die die Realitt unserer Welt und unseres Lebens in den Blick nimmt. Wenn wir in den Tag hinein leben, dann verfehlen wir unser Christsein, ja, schon unser Menschsein verfehlen wir dann. Ohne den Kampf gegen den nie-deren Menschen in uns, gegen das Triebleben, der auch einen sichtbaren Ausdruck annehmen muss, knnen wir nicht heil  oder gesund werden, weder im natrlichen noch im bernatrlichen Bereich.

Die Abkehr von der Snde und die Hinkehr zu Gott darf nicht nur  in leeren Worten bestehen. Sie bedarf der Begleitung durch Werke der  Entsagung und des Verzichtes. Diese aber haben eine wunderbar  reinigende Kraft, fr das Leben des Leibes wie auch fr das Leben  des Geistes.

Die Selbstbeherrschung wird heute ganz klein geschrieben. Das  fortwhrende Sich-gehen-Lassen kann uns aber nicht glcklich machen.  Es fhrt uns notwendig ins Unglck und schlielich ins Chaos, uerlich und innerlich. Wenn wir nicht Hand legen an uns, so  breiten sich Verantwortungslosigkeit, Genusssucht, Gleichgltigkeit und Lieblosigkeit immer weiter aus. Damit aber wird unser Leben  immer mehr vergiftet, im natrlichen wie auch im bernatrlichen  Bereich. Beides hngt eng zusammen. Und - wie wollen wir damit vor Gott bestehen?

Gedankenlosigkeit und Inkonsequenz und religise Halbheit sind bis tief ins Heiligtum eingedrungen, weil wir es immer mehr bei groen Worten bewenden lassen und uns mit frommen Gefhlen begngen. Mit frommen Gefhlen aber, wenn wir es dabei bewenden lassen,  betrgen wir uns selbst.

Die neue Hinkehr zu Gott muss sichtbar werden in Werken der  Entsagung, in Taten, die die Macht des Geistes bezeugen - und die Macht der Gnade.

Ja, all unsere Gebete erreichen nicht ihr Ziel, wenn sie nicht hervorgehen aus dem Geist des Opfers und des Verzichtes.

Das knnen wir nicht deutlich genug sagen angesichts der bitteren  Frchte unserer allgemeinen Verantwortungslosigkeit und  Disziplinlosigkeit. 

Zum Opfer und zum Verzicht gehrt notwendigerweise auch die  heilsame Stille, die Mue, die uns nicht durch die ueren  Anforderungen vorenthalten wird, wie wir es oft behaupten, die wir uns vielmehr selbst vorenthalten, im Grunde genommen deshalb, weil wir Angst davor haben, weil wir Angst haben vor der Wirklichkeit,  die uns dann zum Be-wusstsein kommt, wenn wir still werden.

Wenn wir wieder still werden in diesen Wochen der Vorbereitung auf die Feier der Ankunft Christi, wenn wir uns dem stndigen  Gefordertsein und der unablssigen Anspannung unseres Alltags ein  wenig entziehen, wenn wir auch einmal Radio und Fernsehen zum Schweigen bringen und die Stille ein wenig aushalten und - verkosten, dann wird es uns leichter, die Versklavung an das eigene  Ich und an diese unsere vergngliche Welt ein wenig  abzuschtteln.

Johannes, der Tufer, unterstreicht seine Worte, die Worte seiner  Verkndigung, durch ein Leben in der Abgeschiedenheit der Wste. Und er tut das in strenger Abttung, im Geiste des Opfers und des Verzichtes, des Opfers und des Verzichtes, aus Liebe zu seiner Aufgabe und zu dem, der ihn in Dienst genommen hat, und schlielich  aus Liebe zu dem, dessen Vorlufer er sein darf. Dadurch hat er die Menschen, die ihm begegnet sind, tiefer und nachhaltiger beeindruckt als durch seine Worte.

Diesen Johannes werden wir nicht in allem nachzuahmen knnen,  aber er muss uns ein wenig Vorbild sein, wenn wir durch Werke der Entsagung und des Verzichts, der Selbstverleugnung und des Opfers uns vorbereiten auf das Kommen Gottes in der Gnade bei der Feier  seiner Ankunft im Geheimnis seiner Menschwerdung in diesen Tagen und  bei seiner Ankunft am Ende aller Tage. 

Wenn wir so Christus eine Strae bauen in der unwegsamen Wste un-serer Zeit, dann knnen auch andere ihm auf dieser Strae wieder  entgegenziehen, viele, die geblendet sind durch zahllose Irrlichter,  verfhrt durch eine groe Zahl von falschen Propheten, viele, die  Opfer ihrer Bequemlichkeit, ihrer Gleichgltigkeit, ihrer religisen  Halbheit und ihrer Selbstverliebtheit geworden sind.

*

Groe Ereignisse, die nicht vorbereitet werden, sind vergeblich, und sie knnen ihre prgende Kraft nicht entfalten. 

Wenn am vergangenen Sonntag von der Wachsamkeit die Rede war, von  der Bereitschaft, in der wir uns nicht berrumpeln lassen von dem  Ungeist der Zeit, so konkretisert sich diese Mahnung heute in dem Anruf an uns, dass wir nicht nur defensiv sind, sondern dass wir das Kommen Gottes offensiv vorbereiten, dass wir es vorbereiten in Wer-ken der Entsagung, der Selbstberwindung und des Opfers.

Damit bereiten wir Gott nicht nur einen Weg zu uns, sondern wir  bauen damit auch eine Strae, auf der viele, die vom Wege abgekommen sind, verstrickt im bermut des Wohllebens, in Resignation und Snde und Verzweiflung, Gott wieder entgegengehen knnen. Die Strae, auf  der Gott zu uns kommt, ist auch die Strae, auf der wir zu Gott kommen. Amen. 

 

Predigt zum 1. Adventssonntag,  gehalten am 30.  November 2003 

in Freiburg, St. Martin

Das Evangelium geht zu Ende mit der Aufforderung Awachet und betet@. AWachet und  betet@, das gilt angesichts der Drangsale, die der Wiederkunft Christi voraufgehen, das gilt angesichts der Begegnung mit dem wiederkommenden Christus. Viele gehen heute, in der Gegenwart, an dieser Mahnung vorbei. Viele hren sie nicht und wollen sie auch nicht hren. Statt zu wachen,  leben sie in den Tag hinein, statt zu beten, verstummen sie vor Gott. Sie leben ohne Gott, so, als ob es ihn gar nicht gbe.

*

Mit diesem Sonntag beginnen wir ein neues Kirchenjahr. Wenn wir  einen neuen Anfang machen, wenn wir ein Werk beginnen, richten wir  den Blick auf das Ziel, sollten wir den Blick auf das Ziel richten.  Egal, wo wir gehen, egal was wir beginnen, wenn wir den Blick nicht  auf das Ziel richten, erreichen wir es nicht. 

Am Beginn des neuen Kirchenjahres ist es angebracht, dass wir uns  mit einer Reihe von Fragen konfrontieren, die sich auf das Ziel  unseres Lebens und der Welt, auf das Ziel aller Kirchenjahre beziehen, die noch vor uns liegen. Diese knnen wir  etwa so formulieren: Was ist der Sinn der immer neuen Jahre? Und: Wohin fhren sie uns? Wie geht es einmal zu Ende mit uns? Was ist das Ziel  unseres Lebens? Und: Was ist das Ende der Menschheit und dieser unserer sichtbaren Welt? Es ist sicher, dass wir unsere Gegenwart  nur richtig leben knnen, wenn wir unsere Zukunft mit bedenken, wenn wir wissen, wie sie in etwa aussieht und wenn wir uns diese  Erkenntnis immer wieder vergegenwrtigen.

Das Bedenken der Zukunft, darum geht es im christlichen Advent,  vor allem das Bedenken der letzten Zukunft, die uns in dieser Welt  beschieden ist und die dieser unserer Welt von Gott zugedacht ist.  Die Mglichkeit zu solchem Bedenken ist uns mit unserem Menschsein  gegeben. Diese Mglichkeit wird uns aber zugleich zur Verpflichtung. Hier gilt: Was wir knnen, das mssen wir tun.

Das Tier lebt nur in der Gegenwart. Es wei nicht einmal, dass es  lebt. Es kennt keine Zukunft und keine Vergangenheit. Der Mensch  aber wei um seine Zukunft, wie er um seine Vergangenheit wei, und  er muss darum wissen. Wir knnen den-ken, und wir mssen es auch tun. 

Allein, die Zahl der Menschen, die nicht denken, die ihre Augen  schlieen, die sich weder um ihre Vergangenheit noch um ihre Zukunft kmmern und die sich damit ihrem Menschsein verschlieen, ist heute unendlich gro, sie ist Legion geworden. Der Lebensinhalt dieser  vielen ist das Vergngen - in einem ganz vordergrndigen Sinn. Das  Vergngen, das ist der einzige Sinn auch ihrer Arbeit und ihres  Ttigseins. 

Angesichts der Konsequenz, mit der die Menschen in groer Zahl so  dem Ver-gngen leben, allgemein, mssten viele sehr glcklich sein, msste ihnen das Glck geradezu ins Gesicht geschrieben sein. Das  ist jedoch nicht der Fall, mitnichten. Das Vergngen macht nicht  glcklich. Das sagt uns die Erfahrung. Das sagt uns die Vernunft. Die Vernunft sollte es uns sagen. Das Glck hat tiefere Wurzeln. Viele sind eben nicht glcklich. Bisweilen sieht man es ihnen schon an. Der Griff vieler nach den Drogen und nach den Narkotika  und den Stimulantien verschie-dener Provenienz sowie nach den  Genussmitteln spricht hier eine beredte Sprache. Und die Schte breiten sich aus. Sie aber sind nichts anderes als der untaugliche  Versuch, dem Unglck zu entfliehen und das Glck zu erjagen.

Es ist nicht falsch, wenn wir alle uns immer wieder einmal fragen, wie es steht mit unserem Glck, in unserem persnlichen Leben. Das wrde uns auf jeden Fall weiterbringen. 

Viele Menschen sind ausgesprochen unglcklich. Freudlos und  mrrisch leiden sie, nicht selten gerade unter dem Zwang des  Genieen-Mssens. Sie stehen dabei unter dem Druck unserer  Meinungsdiktatur, der heute gro ist, die zuweilen gar zum  Meinungsterror wird. Da denkt man nicht nur, was sie alle denken, da  tut man auch das, was sie alle tun.

Die Vereinheitlichung des Denkens findet ihren Ausdruck in der Vereinheitlichung, des Redens und des Verhaltens, ja, sogar in der  Kleidung zeigt sich diese Uniformierung.

Genormtes Denken! Davon sind viele bestimmt. Genormtes Denken, das bedeutet im Grunde Verzicht auf das Denken, damit aber im  tiefsten gar Verzicht auf das Menschsein. Das genormte Denken  erweist sich heute faktisch als verordnetes Nichtdenken. In unserer Uniformierung stellen wir unsere Menschenwrde zur Disposition.

Das Massenmenschentum breitet sich heute aus wie eine ansteckende  Krankheit, bedingt vor allem durch die wachsende Bedeutung der  Massenmedien, speziell des Fernsehens. Zuerst verfallen die jungen  Menschen dieser Krankheit. Aber nicht nur sie verfallen ihr, auch viele Erwachsene sind keineswegs immun dagegen. 

Das beste Mittel, sich dieser Krankheit entgegenzustellen, ist das selbstndige Den-ken und das Glauben. Denken und Glauben gehren  zusammen. Ohne Denken kann man nicht glauben, und ohne Glauben kann man - hufig - auch nicht denken.

Das lebendige Christentum verhlt sich zum Massenmenschentum wie Feuer zu Wasser.

Es gilt, dass wir uns lossagen vom Zeitgeist, dass wir eigenstndig werden in unserem Denken und in unserem Handeln, und dass wir verantwortungsbewusst denken und handeln. Das ist im Grund  gemeint mit der Mahnung des Evangeliums: AWachet und  betet@. 

Der Zeitgeist ist niedertrchtig, unehrlich, zynisch, schamlos,  gemein, gottlos und egoistisch. Immerfort giet er Wasser auf die  Mhlen der Gottlosigkeit. Immer wieder reduziert er den Menschen auf  seine animalischen Bedrfnisse und stellt so letztlich auch seine  Wrde in Frage.

Das Awachet und  betet@ des Evangeliums  bedeutet heute: AStellt euch gegen den Zeitgeist, damit ihr ihn berwinden  knnt@.

An diesem Punkt beginnt die Rechristianisierung, von der heute so  oft und so viel die Rede ist, die individuelle Rechristianisierung  und die Rechristianisierung unserer Welt. An diesem Punkt muss sie  beginnnen, die Rechristianisierung, bei unserer rechten Zeitanalyse und bei unserer Hinwendung zu einem eigenstndigen Leben. Das  beginnende neue Kirchenjahr und die Adventszeit laden uns dazu ein.  Schon die liturgische Farbe dieser Zeit, das Violett, erinnert uns  an diese so notwendige Umkehr. 

Die Umkehr des Christen muss ihren Ausdruck vor allem im Busakrament finden. Der erste Ausdruck der Umkehr ist das  Busakrament, der zweite das lebendige Bemhen um ein heiliges Leben. Damit ist gemeint der Kampf gegen die Versuchungen, gegen die Fehler und gegen die Snden. Der dritte Ausdruck der Umkehr aber ist  dann das Gesprch mit Gott im Gebet.

*

Wir knnen nur dann auf Gottes Barmherzigkeit hoffen, wenn wir wachen und beten. Wachen und Beten, das bedeutet, dass wir einen eigenstndigen Weg einschlagen, dass wir uns nicht beeindrucken lassen von dem, was man tut und wie man sich verhlt. Es gilt, dass wir nicht da Vertrauen schenken, wo wir misstrauen  sollten, und dass wir nicht da misstrauen, wo wir vertrauen sollten.  Sodann bedeutet Wachen und Beten, dass wir Zeit haben fr Gott, dass wir ihn immer wieder suchen im Gebet.

Unser Vorsatz sollte heute lauten: Tglich einige Minuten der  Stille, tglich einige stille Minuten des Gebetes in den Wochen  dieser Adventszeit. 

Das Beten ist so grundlegend, dass alles andere ihm nachfolgt, wenn es in rechter Weise geschieht. Amen.

 

 

Predigt zum 4. Adventssonntag,  gehalten am 21.  Dezember 2003 
in Freiburg, St. Martin

Die Begegnung der beiden Frauen Maria und Elisabeth, wovon das Evangelium be- richtet, hat eine bewegende Szene zum Inhalt, eine  Szene aus dem Neuen Testament, die immer wieder die Knstler  inspiriert hat. Heimsuchung Mariens nennen wir sie. Sie gehrt in den Advent hinein, denn sie spricht von der Erwartung des Erlsers,  von der Erwartung des Kindes der Verheiung. Schon vor seiner Geburt wird dieses Kind dank der Offenbarung Gottes durch Elisabeth erkannt in seiner Bedeutung, wenn diese Maria und das Kind seligpreist, wenn  sie  Maria als die Mutter ihres Herrn bezeichnet und damit den  Gru des Verkndigungsengels weiterfhrt mit Worten, die wir noch heute im Gegret seist du, Maria beten: Du bist gebenedeit unter  den Frauen, das heit: Du bist gesegnet unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Lei- bes, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Dabei vernimmt Maria die uns so ver- traute  Feststellung ihrer Verwandten selig bist du, weil du geglaubt hast,  dass die Worte erfllt werden, die dir von Gott gesagt wurden.

*

Bei der Verkndigung hatte Maria ihren Glauben in die Worte  gefasst: Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Sie hatte ja gesagt zu  Gottes Plnen. Sie hatte ihren Glauben bekannt in der Hingabe an den Willen Gottes, und sie hatte sich Gott willig untergeord- net, um ihm  als Werkzeug zu dienen. 

Immer beginnt der Glaube bei der Demut, und immer hat er die Gestalt der Hingabe an den Willen Gottes.

Zwar bedarf der Glaube auch der Rechtfertigung vor der Vernunft, denn sonst knnte man alles Mgliche glauben, knnte man heute dies  und morgen das glauben, wie es faktisch allerdings oft geschieht.  Der Glaube kann und darf sich nicht nur auf das Gefhl berufen. Gefhle sind wechselhaft und unzuverlssig. Und sie sind allzusehr unter- schiedlich bei den Menschen. Ich kann Gott nur Glauben  schenken, wenn ich wei, dass er es ist, der mich anspricht in  seinem Wort. Das aber bedarf einer vernnftigen Prfung. Dennoch  beginnt der Glaube bei der Demut, trgt er immer die Gestalt der Hingabe an den Willen Gottes. Denn glauben heit gehorchen, heit  nicht auf sein eigenes Erkennen vertrauen, sondern auf das Erkennen Gottes, heit nicht seinen eigenen Willen erfllen, sondern den  Willen Gottes.

Der Glaube kommt vom Hren, so lesen wir im Rmerbrief (R 10,17). Und das Ttig- keitswort gehorchen meint von seinem Wortsinn  her ein intensives Hren. Dieses aber schliet immer die Bereitschaft zum Handeln in sich, die Bereitschaft zur Tat. Hren  kann man jedoch nur, wenn man nicht fortwhrend redet. Man muss still wer- den, um hren zu knnen. Das aber will der Stolze nicht,  der Hochmtige, der sich selbst berschtzt und berheblich ist in seinem Denken und in seinem Verhalten. Er will nur immerzu reden.

Maria wird selig gepriesen, weil sie geglaubt hat. Nur als Glaubende konnte sie die Mutter Gottes, die Mutter des Erlsers  werden. In Verbindung mit ihrer Hingabe an Gott brachte ihr der  Glaube die Gnade der Gottesmutterschaft. Uns bringt er in Verbindung  mit der Hingabe an den Gott der Offenbarung die Gnade des ewigen Lebens, der ewi- gen Gemeinschaft mit ihm.

Die Kirchenvter betonen in der Frhzeit der Kirche, dass Maria  zuerst das Wort Gottes im Glauben empfing, bevor sie die Mutter  dieses Wortes wurde, und dass die Empfng- nis des Wortes Gottes im Glauben die grere und die bedeutendere gewesen ist fr sie.

Darum verehren wir Maria als die Mutter der Glaubenden, ja, als  die Mutter der Kirche, der Gemeinschaft der Glaubenden.

Der Glaube ist das Problem der Menschen unserer Tage geworden, oder besser: der Un- glaube, der verlorene Glaube.Viele haben die Fhigkeit zu glauben verloren. Aber gr- er noch scheint die Zahl derer zu sein, die nicht glauben wollen. Daraus ergeben sich die zahllosen Schwierigkeiten und die zahllosen Nte, mit denen  wir uns herumschla- gen heute, in unserem persnlichen Leben, aber auch in der Kirche und in der Welt.

Der Unglaube - sei es, dass er seinen Grund im Nicht-Knnen hat, sei es, dass er seinen Grund im Nicht-Wollen hat -, er macht es den Verantwortlichen heute so schwer, die Herde Christi zu leiten und  die Kirche Gottes zu fhren. Er ist die eigentliche Quelle der  ungezhlten Bedrngnisse nicht nur in unserem persnlichen Leben,  auch im Leben unserer Gesellschaft und im Verhltnis der Staaten untereinander. Die wachsende Kri- minalitt, den Terrorismus, die  zahllosen Verletzungen der Menschenrechte und die ver-breitete Ratlosigkeit, all das gbe es nicht, wenn wir alle einen lebendigen  Glau- ben htten und wenn die Demut und die Hingabe an den Gott der  Offenbarung unser aller Leben bestimmen wrden. 

Wenn wir hren auf Gott, wenn wir Gott gehorchen, wenn wir mit Maria sprechen ich bin die Magd des Herrn und ihr nachfolgen in  ihrer Bereitschaft zum Dienen, dann re- giert Gott in unserem Leben, dann befriedet er dieses unser Leben und dann macht er uns glcklich, schon in diesem Leben. Und je grer die Zahl derer ist,  die es so ma- chen, um so mehr wird Gott der Herr dieser Welt, um so  mehr wird Gott sein Reich auf- richten in dieser Welt.

Maria hat uns einst den Erlser gebracht, weil sie sich als die  demtige Magd Gottes verstanden hat: Siehe, ich bin die Magd des Herrn! In dieser Wirklichkeit begegnet uns das Grundgesetz der  Heils- und Erlsungsordnung. Gott kommt nur zu uns, wenn wir ihn  glubig, das heit, demtig hrend erwarten, wenn wir uns bemhen, Knechte und Mgde Gottes zu sein, wenn wir unseren Stolz berwinden  und unsere Kleinheit und Armut vor Gott erkennen und gelten lassen, wenn wir hren auf ihn und sein Wort und wenn wir ihm Gehorsam schenken. Stets hat Gott die Freiheit des Menschen re- spektiert.  Darum teilt er sich nur denen mit in seiner Gnade, die alle Selbstberscht- zung und alle Selbstgerechtigkeit ablegen, die nicht ihre eigene Ehre suchen, die nicht immerfort reden, die vielmehr hren und still werden, die auf ihn ihre Hoffnung setzen und die seinen heiligen Willen zur Norm ihres Lebens machen.

Das ist die Lsung fr uns und fr alle Nte, die uns bedrngen, und was fr uns im Kleinen gilt, das gilt auch fr unsere Welt im Groen, das ist  die Lsung fr uns und fr alle Nte, die uns bedrngen, dass wir auf Maria schauen, die stille Frau von Nazareth, und ihr Beispiel nachahmen, dass wir demtig glauben und den Willen Gottes erfllen. Sie singt im Magnificat: Die Niedrigen hat Gott erhoben, die Stolzen hat er vom Thron gestrzt.  Wer Gott begegnen und seine Hilfe erlangen will, der muss jene Haltung haben, die Maria auf die kurze Formel bringt: Siehe, ich bin die Magd des Herrn!

Bemhen wir uns nicht darum, so sind all unsere Gebete vergeblich, so sind alle Sakra- mente, die wir empfangen, unwirksam  und stumpf.

*

In wenigen Tagen geht der liturgische Advent zu Ende, der Advent des Lebens aber geht weiter. Das Ziel der Geschichte ist die groe  Ankunft Gottes am Ende aller Tage. Nur dann finden wir das Heil -  das Heil ist der Inbegriff unserer Sehnsucht - wenn wir uns wie Maria immer wieder als Knechte und Mgde Gottes bekennen, nicht nur  in Worten, sondern auch und vor allem durch unser Leben.

Von Christus, unserem Erlser, heit es heute in der Lesung: Siehe ich komme deinen Willen zu erfllen. Der Wille des Vaters, der Gehorsam bis zum Tod, hat sein Leben geprgt. Das Alte Testament  bezeichnet ihn als den Knecht Gottes. Ihn, den Knecht Got- tes, brachte uns die Magd des Herrn.

Wir knnen ihn nur dann empfangen, hier in der Verborgenheit der Gnade und am En- de als unseren ewigen Erlser und Heiland, wenn wir Knechte Gottes sind, wie er es gewesen ist, wenn wir demtig unsere Armseligkeit erkennen und unsere Bereitschaft zu Hingabe an ihn  bekunden durch unser Leben, jeden Tag aufs neue. Amen.

 

Predigt zum 3. Adventssonntag, gehalten am 14. Dezember 2003 
in Freiburg, St. Martin

Johannes der Tufer, der adventliche Prophet,  spricht heute im Evangelium wiederum, wie schon am vergangenen Sonntag, von unserer Vorbereitung auf das Kommen Chri- sti. Dieses Mal denkt er dabei allein an das Kommen Christi zum Gericht, an das  Kom- men Christi am Ende unserer Tage. Denn er spricht davon, dass der  Messias die Spreu von dem Weizen trennen wird, dass er die Spreu verbrennen und den Weizen in die ewigen Scheunen einbringen wird.  Das bedeutet: Nur wer sich recht vorbereitet auf das Kommen Christi, der kann guter Weizen sein. Das haben die Menschen, die zu Johan- nes  gekommen sind, wohl verstanden. Deshalb fragen sie ihn, was sie nun tun mssen und wie sie sich nun vorbereiten sollen. Und die Antwort des Propheten lautet: Ihr msst Gerechtigkeit ben und ttige Liebe. Das ist, so fgt Paulus dem in der Lesung des  heutigen Sonntags hinzu, nicht nur der Weg zum ewigen Leben, sondern auch zur Freude, zur wahren Freude, schon in diesem unserem irdischen Leben.

**

Denken wir zunchst noch ein wenig nach ber die Antwort des Tufers. Die vielen suchenden Menschen, die seinem Worte lauschen, sie fragen ihn: Was mssen wir tun? Und er antwortet: Wer zwei Gewnder hat, gebe eines davon ab, und wer zu essen hat, gebe dem davon mit, der nichts hat. 

Die Zllner, die ihn fragen: Was sollen wir tun?, erhalten zur Antwort: Nehmt nur, was euch zusteht! Hrt auf, euch an fremdem Eigentum zu bereichern! Den Soldaten, die mit der gleichen Frage zu  ihm kommen, ihnen antwortet er: Seid nicht mehr gewaltt- tig! Wir  wrden heute sagen: Hrt auf, eure Macht zu missbrauchen! Und der  Tufer fgt noch hinzu: Seid zufrieden mit eurem Sold, seid zufrieden mit dem, was ihr habt!

Damit wird klar, dass jeder in seinem Beruf bleiben kann, sofern dieser Beruf nicht in sich ehrlos ist, damit wird die Wahrheit  unterstrichen, dass es nicht auf das ankommt, was man arbeitet, dass es vielmehr auf das Wie ankommt, auf den Geist, in dem man seine Arbeit verrichtet, denn Gott hat  andere Mastbe, als die Menschen sie haben. Dieser Geist aber nimmt  Gestalt an in der gewissenhaften bung der Gerechtigkeit und der  ttigen Liebe.

Das bedeutet im einzelnen, dass wir uns den Blick fr den  Nchsten bewahren, dass wir nicht den eigenen Vorteil suchen und unsere Mitmenschen bervorteilen, dass wir ihnen gegenber stets  wohlwollend sind, dass wir jedem das zuerkennen, was ihm zu- steht, dass wir jeden Tag aufs neue unseren Mitmenschen mit der Liebe  Gottes begeg- nen und dass wir stets die Rechenschaft vor Augen haben,  die wir einmal ber unser Leben ablegen mssen.

Den Nchsten als Nchsten im Blick zu behalten, das gelingt uns  am besten, wenn wir Gott nicht aus den Augen verlieren. Damit aber  sind wir bei der Bedeutung des Gebe- tes.

Das Fehlen von Gerechtigkeit und Liebe, das ist die entscheidende  Mangelkrankheit, an der unsere Welt heute leidet. Und weil wir als Christen nicht viel weniger betroffen sind von dieser Krankheit als die nicht mehr Glubigen, deshalb wird der christliche Glaube vielen Auenstehenden heute zum rgernis. Gewiss, man spricht genug von der Liebe und von der Gerechtigkeit in kirchlichen Kreisen, bergenug, aber dabei bleibt es allzu oft. Das ist hier hnlich wie bei der Tugend der Dankbarkeit und bei vielen anderen Tu- genden. 

Fr die Gerechtigkeit und fr die Liebe, dafr mssen wir  streiten, dafr mssen uns einsetzen, aber zuerst mssen wir sie  selber ben.

Wir mssen von uns selber loskommen und alle Ichbezogenheit und  allen Egoismus ab- legen. Ichbezogenheit und Egoismus sind im Grunde  tricht, weil sie nicht unserer wah- ren Natur entsprechen und uns  deshalb den Frieden rauben, den inneren Frieden, weil sie uns einsam machen und unglcklich.

Die verschiedenen Stnde treten damals an Johannes heran, sie  drngen sich an ihn heran und fragen ihn: Was mssen wir tun? Wir  oder viele von uns fragen nicht einmal mehr so. Viele von uns  begngen sich einfach damit, das zu tun, was ihnen gefllt. Und vielleicht machen wir selber es oft wie die vielen. 

Unsere Verantwortungslosigkeit und unsere Leichtferigkeit im Handeln aber fhrt uns ins Unglck.

*

Die Antwort des Tufers wird von Paulus in der Lesung erlutert  und ausgeweitet, wenn er die Freude des Christen anspricht. Er  spricht von der Gte und meint damit die Ge- rechtigkeit und die  ttige Liebe. Sie, diese Gte, fhrt, so erklrt der Vlkerapostel, zur Freude, zur wahren Freude.

Wer den Willen Gottes erfllt, der findet nicht nur das ewige  Leben, der wird darin auch wahrhaft froh. Die Freude aber ist der Inbegriff des Glcks, nach dem wir alle streben.

Glcklich werden wir nur, wenn wir Gerechtigkeit ben und ttige Liebe. Das lehrt uns das Wort der Schrift. Das lehrt uns aber auch  die Erfahrung des Lebens. Wer nur nach dem eigenen Geschmack lebt,  wer keine Verantwortung kennt, wer immer tut, was ihm gefllt, und  wer nur sich selber kennt, der kann nicht glcklich werden.

Vielen unserer Zeitgenossen, vielleicht gar den meisten, ist die Freudlosigkeit auf die Stirn geschrieben, das innere  Unglcklichsein. Darum sind viele so genussschtig und  sensationshungrig. Sie sind auf der Suche nach der Freude, verstricken sich aber im- mer mehr in der Freudlosigkeit. 

Wir mssen unterscheiden zwischen den Freuden und der Freude. Das eine knnen wir produzieren oder uns produzieren lassen, das andere aber kann uns nur geschenkt werden. Es wird uns  geschenkt, wenn wir uns ffnen fr dieses Geschenk durch unser  rechtes Handeln.

Der Rausch kann uns die Wirklichkeit eine Weile vergessen machen,  aber glcklich ma- chen kann er uns nicht. Die wahre Freude, der  Inbegriff des Glcks, nach dem wir alle streben, sie hat ihren Ort in der Tiefe unseres Menschseins. Wir finden sie nicht, es sei denn  in der Erfllung des Willens Gottes, indem wir Gerechtigkeit und ttige Liebe ben, Recht und Erbarmen. Das aber gelingt uns umso  besser, je mehr wir uns im Ge- bet mit Gott verbinden. 

**

Die zwei Antworten, die Antwort des Johannes und des Paulus, ergnzen einander. Wenn wir uns dem Nchsten zuwenden in Gerechtigkeit und Liebe, aus der Kraft der liebenden Verbundenheit  mit Gott, dann knnen wir bestehen vor dem, der kommen wird zum Gericht, der kommen wird am Ende unserer Tage. Das ist die Antwort des Tufers. Aus unserer Gte aber, aus unserer gewissenhaften bung  der Gerechtigkeit und der Liebe in der Verbundenheit mit dem ewigen Gott, daraus erwchst die Freude, die wahre Freude, die uns niemand  nehmen kann, schon in diesem unserem irdischen Leben. Das ist die Antwort des Vlkerapostels. - Auch an diesem Punkt erweist sich das  Evangelium in Wahrheit als eine frohe, als eine froh machende  Botschaft. Amen.

 

Predigt zum 2. Adventssonntag, gehalten am 7. Dezember 2003 
in Freiburg, St. Martin 
 

Alles Bedeutsame, alles, was von Gewicht ist in unserem Leben, bedarf der Vorberei- tung. Das ist eine tiefe Weisheit, die viele von uns vergessen haben und die ebenso viele nicht wahr haben wollen. Denn Vorbereitung bedeutet Gefordert-Sein und Sich- Anstrengen, bedeutet Warten-Knnen und Geduld-Haben. Wer will das schon auf sich nehmen?

Die Vorbereitung ist um so wichtiger, je grer und je bedeutsamer das Ereignis ist, das bevorsteht und das zu bestehen ist. Versumen wir sie, die Vorbereitung, so ist das Er- eignis vergeblich, so kann es seine prgende Kraft nicht entfalten.

Die Vorbereitung auf das Geheimnis des kommenden Festes ist das  Thema des heuti- gen Sonntags.

*

In einer sehr eindrucksvollen bildhaften, ja, dichterischen  Sprache ist im Evangelium die Rede von dieser Vorbereitung. Da heit es: Bereitet den Weg des Herrn. Macht ge- rade seine Pfade. Jedes Tal soll ausgefllt, und jeder Berg soll abgetragen werden. Was uneben ist, soll eben werden, was krumm ist, soll gerade werden.

Das Fest der Geburt Christi enthlt irgendwie, was es bezeichnet.  Es bedeutet eine neue Ankunft Gottes in dieser Welt, Gottes Kommen in der Gnade, eine Vertiefung sei- ner Gemeinschaft mit uns, eine Verlebendigung dessen, was in der Menschwerdung Gottes vor 2000 Jahren begonnen hat. Zugleich weist diese verborgene Ankunft uns hin auf den letzten Advent Gottes am Ende aller Tage, da Gott endlich  und endgltig aus der Verborgenheit hervortreten wird, um sein Erlsungswerk zu vollenden und um allen gleichsam die Quittung ihres Lebens zu geben.

Das sollen wir vorbereiten, das Kommen Gottes jetzt und das Kommen Gottes am Ende. Durch die Vorbereitung auf das Kommen Gottes jetzt sollen wir die Vorbereitung auf sein  Kommen am Ende einben. 

In jedem Fall geschieht die Vorbereitung durch Werke des Verzichts und der Entsa- gung, die Ausdruck der Bue, der inneren Umkehr, und der neuen Hinwendung zu Gott sind. Nichts anderes meinen  die groen Worte des Johannes, nichts anderes meint sei- ne Taufe,  nichts anderes meint sein entbehrungsreiches Leben. 

Verzicht und Entsagung, Abttung und Selbstberwindung, das  klingt zwar unzeitge- m, ist es jedoch nicht, keineswegs. Mit diesen  bungen oder Haltungen sind wir viel- mehr im Zentrum der Religion Jesu, die eine Religion des Kreuzes ist und zugleich eine Religion,  die die Realitt unserer Welt und unseres Lebens in den Blick nimmt. Wenn wir in den Tag hinein leben, dann verfehlen wir unser Christsein, ja, schon unser Menschsein verfehlen wir dann. Ohne den Kampf gegen den nie-deren Menschen in uns, gegen das Triebleben, der auch einen sichtbaren Ausdruck annehmen muss, kn- nen wir nicht heil  oder gesund werden, weder im natrlichen noch im bernatrlichen Bereich.

Die Abkehr von der Snde und die Hinkehr zu Gott darf nicht nur  in leeren Worten be- stehen. Sie bedarf der Begleitung durch Werke der  Entsagung und des Verzichtes. Die- se aber haben eine wunderbar  reinigende Kraft, fr das Leben des Leibes wie auch fr das Leben  des Geistes.

Die Selbstbeherrschung wird heute ganz klein geschrieben. Das  fortwhrende Sich-ge- hen-Lassen kann uns aber nicht glcklich machen. Es fhrt uns notwendig ins Unglck und schlielich ins Chaos, uerlich und innerlich. Wenn wir nicht Hand legen an uns, so  breiten sich Verantwortungslosigkeit, Genusssucht, Gleichgltigkeit  und Lieblosig- keit immer weiter aus. Damit aber wird unser Leben  immer mehr vergiftet, im natrli- chen wie auch im bernatrlichen  Bereich. Beides hngt eng zusammen. Und - wie wollen wir damit vor  Gott bestehen?

Gedankenlosigkeit und Inkonsequenz und religise Halbheit sind bis tief ins Heiligtum eingedrungen, weil wir es immer mehr bei groen Worten bewenden lassen und uns mit frommen Gefhlen begngen. Mit frommen Gefhlen aber, wenn wir es dabei be- wenden lassen,  betrgen wir uns selbst.

Die neue Hinkehr zu Gott muss sichtbar werden in Werken der  Entsagung, in Taten, die die Macht des Geistes bezeugen - und die Macht der Gnade.

Ja, all unsere Gebete erreichen nicht ihr Ziel, wenn sie nicht hervorgehen aus dem Geist des Opfers und des Verzichtes.

Das knnen wir nicht deutlich genug sagen angesichts der bitteren  Frchte unserer all- gemeinen Verantwortungslosigkeit und Disziplinlosigkeit. 

Zum Opfer und zum Verzicht gehrt notwendigerweise auch die  heilsame Stille, die Mue, die uns nicht durch die ueren  Anforderungen vorenthalten wird, wie wir es oft behaupten, die wir uns vielmehr selbst vorenthalten, im Grunde genommen deshalb, weil wir Angst davor haben, weil wir Angst haben vor der Wirklichkeit,  die uns dann zum Bewusstsein kommt, wenn wir still werden.

Wenn wir wieder still werden in diesen Wochen der Vorbereitung auf die Feier der An- kunft Christi, wenn wir uns dem stndigen  Gefordertsein und der unablssigen Anspan- nung unseres Alltags ein wenig entziehen, wenn wir auch einmal Radio und Fernsehen zum  Schweigen bringen und die Stille ein wenig aushalten und -  verkosten, dann wird es uns leichter, die Versklavung an das eigene  Ich und an diese unsere vergngliche Welt ein wenig  abzuschtteln.

Johannes, der Tufer, unterstreicht seine Worte, die Worte seiner  Verkndigung, durch ein Leben in der Abgeschiedenheit der Wste. Und er tut das in strenger Abttung, im Geiste des Opfers und des Verzichtes, des Opfers und des Verzichtes, aus Liebe zu sei- ner Aufgabe und zu dem, der ihn in Dienst genommen hat, und schlielich  aus Liebe zu dem, dessen Vorlufer er sein darf. Dadurch hat er die  Menschen, die ihm begegnet sind, tiefer und nachhaltiger beeindruckt als durch seine Worte.

Diesen Johannes werden wir nicht in allem nachzuahmen knnen,  aber er muss uns ein wenig Vorbild sein, wenn wir durch Werke der Entsagung und des Verzichts, der Selbstverleugnung und des Opfers uns vor-bereiten auf das Kommen Gottes in der Gna- de bei der Feier  seiner Ankunft im Geheimnis seiner Menschwerdung in diesen Tagen und  bei seiner Ankunft am Ende aller Tage. 

Wenn wir so Christus eine Strae bauen in der unwegsamen Wste un-serer Zeit, dann knnen auch andere ihm auf dieser Strae wieder  entgegenziehen, viele, die geblen- det sind durch zahllose Irrlichter,  verfhrt durch eine groe Zahl von falschen Prophe- ten, viele, die Opfer ihrer Bequemlichkeit, ihrer Gleichgltigkeit, ihrer religisen Halb- heit und ihrer Selbstverliebtheit geworden sind.

*

Groe Ereignisse, die nicht vorbereitet werden, sind vergeblich, und sie knnen ihre prgende Kraft nicht entfalten. 

Wenn am vergangenen Sonntag von der Wachsamkeit die Rede war, von  der Bereit- schaft, in der wir uns nicht berrumpeln lassen von dem  Ungeist der Zeit, so konkretisert sich diese Mahnung heute in dem Anruf an uns, dass wir nicht nur defensiv sind, son- dern dass wir das  Kommen Gottes offensiv vorbereiten, dass wir es vorbereiten in  Wer- ken der Entsagung, der Selbstberwindung und des Opfers.

Damit bereiten wir Gott nicht nur einen Weg zu uns, sondern wir  bauen damit auch eine Strae, auf der viele, die vom Wege abgekommen sind, verstrickt im bermut des Wohllebens, in Resignation und Snde und Verzweiflung, Gott wieder entgegengehen knnen. Die Strae, auf  der Gott zu uns kommt, ist auch die Strae, auf der wir zu Gott kommen. Amen. 

 

Predigt zum 1. Adventssonntag,  gehalten am 30. November 2003 
in Freiburg, St. Martin

 

Das Evangelium geht zu Ende mit der  Aufforderung wachet und betet. Wachet und betet, das gilt angesichts der Drangsale, die der Wiederkunft Christi vorauf-gehen,  das gilt angesichts der Begegnung mit dem wiederkommenden Christus. Viele gehen heute, in der Gegenwart, an dieser Mahnung vorbei. Viele hren sie nicht und wollen sie auch nicht hren. Statt zu wachen,  leben sie in den Tag hinein, statt zu beten, verstummen sie vor Gott. Sie leben ohne Gott, so, als ob es ihn gar nicht gbe.

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Mit diesem Sonntag beginnen wir ein neues Kirchenjahr. Wenn wir  einen neuen An- fang machen, wenn wir ein Werk beginnen, richten wir  den Blick auf das Ziel, sollten wir den Blick auf das Ziel richten.  Egal, wo wir gehen, egal was wir beginnen, wenn wir den Blick nicht  auf das Ziel richten, erreichen wir es nicht. 

Am Beginn des neuen Kirchenjahres ist es angebracht, dass wir uns  mit einer Reihe von Fragen konfrontieren, die sich auf das Ziel  unseres Lebens und der Welt, auf das Ziel al- ler Kirchenjahre beziehen, die noch vor uns liegen. Diese knnen wir  etwa so formu- lieren: Was ist der Sinn der immer neuen Jahre? Und: Wohin fhren sie uns? Wie geht es einmal zu Ende mit uns? Was ist das Ziel  unseres Lebens? Und: Was ist das Ende der Menschheit und dieser unserer sichtbaren Welt? Es ist sicher, dass wir unsere Gegen- wart  nur richtig leben knnen, wenn wir unsere Zukunft mit bedenken, wenn wir wi- ssen, wie sie in etwa aussieht und wenn wir uns diese  Erkenntnis immer wieder verge- genwrtigen.

Das Bedenken der Zukunft, darum geht es im christlichen Advent,  vor allem das Beden- ken der letzten Zukunft, die uns in dieser Welt  beschieden ist und die dieser unserer Welt von Gott zugedacht ist.  Die Mglichkeit zu solchem Bedenken ist uns mit unserem Menschsein  gegeben. Diese Mglichkeit wird uns aber zugleich zur Verpflichtung. Hier gilt: Was wir knnen, das mssen wir tun.

Das Tier lebt nur in der Gegenwart. Es wei nicht einmal, dass es  lebt. Es kennt keine Zukunft und keine Vergangenheit. Der Mensch  aber wei um seine Zukunft, wie er um seine Vergangenheit wei, und  er muss darum wissen. Wir knnen denken, und wir mssen es auch tun. 

Allein, die Zahl der Menschen, die nicht denken, die ihre Augen  schlieen, die sich we- der um ihre Vergangenheit noch um ihre Zukunft kmmern und die sich damit ihrem Menschsein verschlieen, ist heute unendlich gro, sie ist Legion geworden. Der Le- bensinhalt dieser  vielen ist das Vergngen - in einem ganz vordergrndigen Sinn. Das  Vergngen, das ist der einzige Sinn auch ihrer Arbeit und ihres  Ttigseins. 

Angesichts der Konsequenz, mit der die Menschen in groer Zahl so  dem Vergngen leben, allgemein, mssten viele sehr glcklich sein,  msste ihnen das Glck geradezu ins Gesicht geschrieben sein. Das  ist jedoch nicht der Fall, mitnichten. Das Vergngen macht nicht  glcklich. Das sagt uns die Erfahrung. Das sagt uns die Vernunft.  Die Ver- nunft sollte es uns sagen. Das Glck hat tiefere Wurzeln.  Viele sind eben nicht glck- lich. Bisweilen sieht man es ihnen schon an. Der Griff vieler nach den Drogen und nach den Narkotika  und den Stimulantien verschie-dener Provenienz sowie nach den  Ge- nussmitteln spricht hier eine beredte Sprache. Und die Schte  breiten sich aus. Sie aber sind nichts anderes als der untaugliche  Versuch, dem Unglck zu entfliehen und das Glck zu erjagen.

Es ist nicht falsch, wenn wir alle uns immer wieder einmal fragen, wie es steht mit un- serem Glck, in unserem persnlichen Leben. Das wrde uns auf jeden Fall weiterbrin- gen. 

Viele Menschen sind ausgesprochen unglcklich. Freudlos und  mrrisch leiden sie, nicht selten gerade unter dem Zwang des  Genieen-Mssens. Sie stehen dabei unter dem Druck unserer  Meinungsdiktatur, der heute gro ist, die zuweilen gar zum  Mei- nungsterror wird. Da denkt man nicht nur, was sie alle denken, da  tut man auch das, was sie alle tun.

Die Vereinheitlichung des Denkens findet ihren Ausdruck in der Vereinheitlichung, des Redens und des Verhaltens, ja, sogar in der  Kleidung zeigt sich diese Uniformierung.

Genormtes Denken! Davon sind viele bestimmt. Genormtes Denken, das bedeutet im Grunde Verzicht auf das Denken, damit aber im  tiefsten gar Verzicht auf das Mensch- sein. Das genormte Denken  erweist sich heute faktisch als verordnetes Nichtdenken. In unserer Uniformierung stellen wir unsere Menschenwrde zur Disposition.

Das Massenmenschentum breitet sich heute aus wie eine ansteckende  Krankheit, be- dingt vor allem durch die wachsende Bedeutung der  Massenmedien, speziell des Fern- sehens. Zuerst verfallen die jungen  Menschen dieser Krankheit. Aber nicht nur sie ver- fallen ihr, auch viele Erwachsene sind keineswegs immun dagegen. 

Das beste Mittel, sich dieser Krankheit entgegenzustellen, ist das selbstndige Denken und das Glauben. Denken und Glauben gehren  zusammen. Ohne Denken kann man nicht glauben, und ohne Glauben kann man - hufig - auch nicht denken.

Das lebendige Christentum verhlt sich zum Massenmenschentum wie Feuer zu Wa- sser.

Es gilt, dass wir uns lossagen vom Zeitgeist, dass wir eigenstndig werden in unserem Denken und in unserem Handeln, und dass wir verantwortungsbewusst denken und handeln. Das ist im Grund  gemeint mit der Mahnung des Evangeliums: Wachet und betet. 

Der Zeitgeist ist niedertrchtig, unehrlich, zynisch, schamlos,  gemein, gottlos und ego- istisch. Immerfort giet er Wasser auf die Mhlen der Gottlosigkeit. Immer wieder re- duziert er den Menschen auf  seine animalischen Bedrfnisse und stellt so letztlich auch seine  Wrde in Frage.

Das wachet und betet des Evangeliums bedeutet heute: Stellt euch gegen den Zeit- geist, damit ihr ihn berwinden knnt.

An diesem Punkt beginnt die Rechristianisierung, von der heute so  oft und so viel die Rede ist, die individuelle Rechristianisierung  und die Rechristianisierung unserer Welt. An diesem Punkt muss sie  beginnnen, die Rechristianisierung, bei unserer rechten Zeit- analyse  und bei unserer Hinwendung zu einem eigenstndigen Leben. Das beginnen- de neue Kirchenjahr und die Adventszeit laden uns dazu ein. Schon die liturgische Far- be dieser Zeit, das Violett, erinnert uns an diese so notwendige Umkehr. 

Die Umkehr des Christen muss ihren Ausdruck vor allem im Busakrament finden. Der erste Ausdruck der Umkehr ist das  Busakrament, der zweite das lebendige Bemhen um ein heiliges Leben. Damit ist gemeint der Kampf gegen die Versuchungen, gegen die Fehler und gegen die Snden. Der dritte Ausdruck der Umkehr aber  ist dann das Gesprch mit Gott im Gebet.

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Wir knnen nur dann auf Gottes Barmherzigkeit hoffen, wenn wir wachen und beten. Wachen und Beten, das bedeutet, dass wir einen eigenstndigen Weg einschlagen, dass wir uns nicht beeindrucken lassen von dem, was man tut und wie man sich ver- hlt. Es gilt, dass wir nicht da Vertrauen schenken, wo wir misstrauen  sollten, und dass wir nicht da misstrauen, wo wir vertrauen sollten.  Sodann bedeutet Wachen und Beten, dass wir Zeit haben fr Gott, dass wir ihn immer wieder suchen im Gebet.

Unser Vorsatz sollte heute lauten: Tglich einige Minuten der  Stille, tglich einige stille Minuten des Gebetes in den Wochen  dieser Adventszeit. 

Das Beten ist so grundlegend, dass alles andere ihm nachfolgt, wenn es in rechter Wei- se geschieht. Amen. 

 

 

 
 
 
